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Liebe Gemeinde!

Die Predigtgrundlage für heute steht im Buch Jeremia im 9. Kapitel:

[Jeremia 9,22–23]

Weisheit, Macht, Reichtum – einmal im Leben das alles in der eigenen Person vereinen. Mit Weisheit ein Computerunternehmen gründen, damit so viel zu verdienen, dass man steinreich wird und sich alles kaufen kann, und schließlich durch die Marktanteile, die man gewinnt, so richtig, richtig einflussreich werden. Oder wenigstens das Ganze in klein: Im Abendkurs an der Volkshochschule Spanisch lernen, ein Häuschen in Stuttgart kaufen und im Stadtteil etwas zu sagen haben. Weisheit, Macht, Reichtum – danach streben nicht nur einige wenige Bevorzugte. Weisheit, Macht, Reichtum, oder wenigstens eines von den dreien, das wünschen sich viele Menschen.

Es kommt vor, und sei es zu seltenen Gelegenheiten, da erleben wir Glanzlichter. Glanzlichter der Weisheit z.B., so dass einem vor Stolz die Brust schwillt. Letzter Schultag, Lisa bringt eine glatte Eins nachhause, flächendeckend, in allen Fächern bis auf Sport. Auf dem bisherigen Höhepunkt ihrer Weisheit angelangt, strahlt sie über das ganze Gesicht. Sie kann es kaum erwarten, es zuerst der Mutter, dann der Oma, und dann der anderen Oma zu erzählen. Die Mutter wartet schon auf sie an der Haustür. Lisa läuft ihr entgegen und packt die Schultasche aus und gibt ihr das Zeugnis. Da sagt die Mutter: Jetzt darfst du aber nicht faul werden und dich auf deinen Lorbeeren ausruhen. Fleißig weiterlernen, junge Frau!

Dabei hat die Lisa doch recht! Es ist in Ordnung, stolz zu sein, wenn einem etwas gelungen ist.

Es ist wundervoll, wenn man jemanden hat, der sich mit einem freut und der mit einem die Erfolge feiert. Gefühle von Stolz und Freude sind menschlich. Bei allem Stolz und aller Freude über die eigenen guten Seiten gibt es jedoch noch einen weiteren Horizont. Erst in diesem größeren Rahmen ergibt unser Gelingen, ergibt auch unser Scheitern und unsere Schwachheit einen Sinn. Denn erst hier erleben wir uns selbst im richtigen Verhältnis, nämlich im Verhältnis zu Gott.

Weisheit, Macht und Reichtum sind etwas, was wir nur zum Teil uns selbst verdanken. Weisheit, Macht und Reichtum kommen in den meisten Fällen dadurch zustande, dass sich günstige Lebensumstände mit einer Begabung und mit der Förderung durch andere Menschen treffen. Weisheit, Macht und Reichtum sind allesamt legitime Lebensziele, etwas, worauf Christen hinarbeiten dürfen. In der Bibel werden sie sogar als erstrebenswert dargestellt. Weisheit hat in den Sprichwörtern und im ganzen Alten Testament viel mit Lebensklugheit zu tun. Eine Unternehmerin ist zum Beispiel weise, wenn sie Ackerland erwirbt und vom Gewinn in den Weinbau expandiert (Spr 31,16). Oft wird erzählt, wie Gott Menschen weise handeln lässt, wie er letztendlich auch dahinter steckt, wenn Menschen zu Wohlstand und zu Einfluss kommen. Das ist darum alles kein richtiger Grund, auf sich selber stolz zu sein. Ein richtiger Grund zum Stolz hingegen ist etwas anderes: Klugheit, wahre Klugheit. Und Klugheit definiert Gott in seinem Wort folgendermaßen: Klug ist, wer Gott kennt. Davon handeln die Sprichwörter und auch die Psalmen hoch und runter: Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang. Klug sind alle, die danach tun. (Ps 111,10). (Der Weisheit Anfang ist die Furcht des Herrn, und) den Heiligen erkennen, das ist Verstand (Sp 9,10). In manchen Situationen kann es sogar so weit kommen, dass der eigene Verstand einen trügt und dass man besser beraten ist, größer und weiter zu denken: Verlass dich auf den Herrn von ganzem Herzen, und verlass dich nicht auf deinen [eigenen] Verstand! (Spr 3,5).

Klug ist, wer Gott kennt. Kennen – da geht es um eine Information, nämlich darum, zu wissen, wer der ist. Und Gott sagt, wer er ist: Er ist der, der für Güte, Recht und Gerechtigkeit sorgt. Wo auf der Welt Güte, Recht und Gerechtigkeit geschehen, da steckt Gott dahinter. Klug ist, wer Gott kennt. Kennen – da geht es um mehr als um eine Information. Da geht es um die persönliche Nähe. Auf Ihrem Bild [Jeremia, ein Ausschnitt aus dem Prophetenfenster von Marc Chagall im Zürcher Fraumünster] sehen Sie einen Mann, der gebückt, fast zusammengerollt dasitzt. Um ihn herum ist es rot. Er erlebt, wie die Menschen in seinem Volk lügen, wie sie sich gegenseitig betrügen, wie Ehebruch immer mehr in Mode kommt, und wie sie von Gott überhaupt nichts mehr wissen wollen. Sie verlassen sich darauf, dass sie es selber schon hinkriegen. Und wenn sie es nicht mehr so gut hinkriegen, dann verlassen sie sich auf ihre Vertragspartner, auf andere Menschen. Gott fragen sie nicht. Vielmehr übernehmen sie die Götter von anderen, die gerade in Mode gekommen sind. Die sind auch viel bequemer anzubeten, weil es für diese Götter so schöne, bunte und goldverzierte Statuen gibt. Später wird Jeremia mit ansehen, wie seine Stadt verwüstet wird und sein Volk weggeführt.

Er sieht das Unheil kommen, und er leidet an so viel Gottlosigkeit um ihn herum. Seine Umgebung ist rot, rot wie Blut. Diesen Eindruck teilt er mit vielen anderen Propheten vor ihm und nach ihm. Himmelschreiende blutrote Schandtaten beim Namen zu nennen, die Leute an Gott zu erinnern, das gehört zum täglichen Geschäft eines Propheten. Und daran kann man schon einmal schwermütig werden. Und wie er so kauert, mitten in dem Bild, umfängt ihn von links oben ein blauer Strahl. Dieses himmlische Blau taucht nun fast den ganzen Mann Jeremia in ein anderes Licht. Bei den elenden Zuständen um ihn her braucht er nicht mehr rot zu sehen. Er hat einen weiteren Horizont. Vom Himmel her, von Gott selbst empfängt er neue Kraft.

Er hat etwas auf dem Kopf, der Prophet. Es ist ein Tuch. Neben dem blauen Rand ist es weiß, und ein klein wenig goldgelb schimmert dort. Jeremia trägt den jüdischen Gebetsschal. An diesem seelischen Tiefpunkt wendet er sich im Gebet an Gott.

Seine Hände sind leer, der König, das Volk, keiner hört auf ihn. In seinem eigenen Dorf wollen sie ihm klarmachen, dass er gar kein Prophet sei. In der vollen Härte seiner Erfolglosigkeit wendet er sich an Gott. Und dort, in Gottes Nähe findet er neuen Mut. Darum ist sein Gesicht erhellt. Und in der rechten Hand leuchtet es golden, in der Farbe des Göttlichen. Von Gott empfängt er in seiner offenen Hand neue Kraft. Neue Kraft für alles, was in dieser Woche für Sie ansteht, das wünsche ich auch Ihnen, liebe Gemeinde. Kraft von Gott für unsere Aufgaben, das können wir alle sehr gut gebrauchen.

Es der Nähe Gottes heraus leben und die eigenen Tage gestalten, das ist Klugheit. Und das ist Grund zu Freude und Stolz. Sonst nichts.

Amen.

Vikarin Anna Greve