Aktuelle Predigt

Gottesdienst am Sonntag Judika (29.3.2020)

Pfarrer Jochen Maurer

 

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes
AMEN

Sonntag Judika: nach Psalm 43,1: Schaffe mir Recht, Gott,
und führe meine Sache wider das treulose Volk.

Wochenspruch: Matthäus 20,28
Der Menschensohn ist nicht gekommen,
dass er sich dienen lasse,sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.

Psalmgebet: Psalm 43 (EG 724)
Gott, schaffe mir Recht
und führe meine Sache wider das unheilige Volk
und errette mich von den falschen und bösen Leuten!
Denn du bist der Gott meiner Stärke:
Warum hast du mich verstoßen?
Warum muss ich so traurig gehen,
wenn mein Feind mich dränget?
Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten
und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung,
dass ich hineingehe zum Altar Gottes,
zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist,
und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.
Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
Wie es war im Anfang, jetzt und immerdar
und von Ewigkeit zu Ewigkeit – AMEN

Eingangsgebet
Ratlos sind wir, Gott, und bringen unsere Ratlosigkeit vor dich.
In Sorge um unsere Angehörigen sind wir, und wir bringen unsere Sorge vor dich.
Bedrückt sind wir und wir bringen unsere Angst vor dich.
Dankbar sind wir für alle Menschen, die uns Mut machen,
und wir bringen unseren Dank für sie vor dich.
Mitten hinein in unsere Angst schenkst du uns das Leben.
Du schenkst uns Musik, Gemeinschaft und die Fürsorge unserer Freunde und Nachbarn.
Du schenkst uns Inspiration, Freundlichkeit und Mut.
Du schenkst uns den Glauben, die Liebe und die Hoffnung.
Dir vertrauen wir uns an –
heute und morgen und an jedem neuen Tag.
AMEN

Stilles Gebet

Predigt: Mk 10,35-45

Liebe Gemeinde!

Zehn Tage häuslicher Quarantäne haben wir, meine Familie und ich, jetzt hinter uns. Die Krankheit ist bisher „mild“ verlaufen, wie das die Ärzte und Fachleute sagen – wir haben Aussicht, zu den 80% zu gehören, die ohne Komplikationen durchkommen werden.
Zehn Tage, in denen uns die Wohnung in der Birkenwaldstraße ausschließlicher Aufenthaltsort war, allenfalls mal Briefkasten leeren, Müll rausbringen oder einige Handgriffe im Garten konnten getan werden.
Wir haben die schöne Pfarrwohnung sehr zu schätzen gelernt in den vergangenen 6 Jahren, so weitläufig und hell.
Und die Aussicht: Die Linde auf dem Kirchplatz; der große Walnussbaum im Garten; die Erlöserkirche und dazu das verlässliche Schlagen und Läuten den Tag durch.
Mir fällt ein, wie überrascht ich war zu Ostern 2014, wir waren gerade eingezogen, wie das morgendliche Vogelkonzert und immer wieder das Schimpfen der Eichhörnchen den Verkehrslärm einfach vergessen ließ.
Ja: Wir haben Glück, hier zu wohnen – und doch ist es jetzt manchmal eng; wächst die Sehnsucht, einfach mal rauszugehen, wegzufahren.

Wegfahren – wenn man das nur mal richtig könnte – „ein Wunsch frei“:
Weg aus der Quarantäne; aber auch weg von Corona –
in eine Zeit und Welt, in der es das nicht gibt: keine Pandemie, keine Ausgangsbeschränkungen, Schließungen, vor allem ohne die Distanz zwischen den Menschen, die doch nur das Beste will.
Leider gibt’s das nur im Märchen!

„Ein Wunsch frei“ – ob das auch Johannes und Jakobus dazu gebracht hat, Jesus mit der folgenden, nachdrücklichen Bitte zu behelligen?

Vom Herrschen und vom Dienen
35 Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus,
und sprachen zu ihm: Meister, wir wollen, dass du für uns tust,
was wir dich bitten werden.
36 Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue?
37 Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten
und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.
38 Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet.
Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke,
oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?
39 Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir.
Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke,
und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde;
40 zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken,
das zu geben steht mir nicht zu,
sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.

41 Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes.
42 Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen:
Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder,
und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.
43 Aber so ist es unter euch nicht;
sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein;
44 und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.
45 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

„Ein Wunsch frei“:
Verständlich, wenn wir den Ärger der anderen 10 Jünger teilen;
leicht geraten die Brüder Jakobus und Johannes mit ihrem Wunsch
in ein schiefes Licht, wirken darin unangenehm geltungssüchtig, als klebrige Streber.
Aber das wäre zu einfach, würde ihnen nicht gerecht.
Jakobus und Johannes: Sie sind Jünger der ersten Stunde, stammen aus Kapernaum, wie Simon und Andreas sind sie Fischer:
Sie werden von Jesus als Menschenfischer berufen.
Immer wieder sind Jakobus und Johannes mit Simon zusammen im engeren Kreis, den Jesus in besonderen Momenten um sich haben will.
Zwei davon sind besonders kennzeichnend:
Die Brüder und Simon begleiten Jesus, als er berührt wird von der himmlischen Herrlichkeit in Gestalt von Elia und Mose sowie von Gotteswolke und Himmelsstimme.
Endlich wird in überzeugender Weise sicht- und spürbar, dass der Rabbi ein Verhältnis außerordentlicher Nähe hat zum Himmelreich,
von dem er doch sonst auch so überzeugend reden kann;
endlich wird klar, dass die Kraft zu den wunderbaren Taten, zu denen er in der Lage ist, wenn er Menschen gesund macht, aus dieser wunderbaren Nähe zu Gott stammen muss.
„Lass uns Hütten bauen“ – ist ihr Wunsch in diesem Moment –
was aber nur zeigt, dass das Erlebte ihr Fassungsvermögen überfordert.
„Kein Wort zu niemand!“ – nicht einmal erzählen dürfen sie davon.

Noch einmal dürfen diese drei Jesus begleiten:
Nun aber geht es nicht auf einen Gipfel der Herrlichkeit,
sondern in die Tiefe des Leidens:
Als Jesus sich im Garten Gethsemane allein seinem Schicksal stellt,
sind sie mit dabei –
als die schlafenden Jünger werden sie sinnbildlich für Menschen,
deren Kräfte im Angesicht der Lage versagen.

Liebe Gemeinde:
Da sind sie uns plötzlich sehr nahe, Jakobus und Johannes.
So viele Fragen – und nicht für alles Antworten der Fachleute.
Die Sorge, wie lange diese Ausnahmesituation noch andauern soll;
vor allem: wie es den Mitgliedern unserer Gesellschaft gelingen kann,
einen so weit wie möglich normalen Alltag aufrecht zu erhalten.
Was ist vollends mit denen, die aktuell kein Einkommen mehr haben?
Wie soll es wieder gelingen, das Leben, die Wirtschaft wieder „hochzufahren“?

„Ein Wunsch frei“:
Unmittelbar vor diesem Gespräch hat Jesus alle zwölf ins Vertrauen gezogen. Ein drittes Mal offen davon gesprochen, dass der Weg nach Jerusalem und damit unausweichlich in den Tod führen wird.
Können wir Jakobus und Johannes verdenken, dass sie gegen diese bedrückende Ansage ihre Bitte setzen:
Lass uns rechts und links neben dir sitzen – in deiner Herrlichkeit!
Weg, nur weg aus der bedrängenden Realität!

Liebe Gemeinde:
Wir sind mitten in der Passionszeit.
So tief in der Passionszeit, wie wir uns das kaum vorstellen und sicher nicht wünschen konnten.
Am 1.3. haben wir noch im Gottesdienst für die damals frisch unter Quarantäne gestellten Geschwister in Norditalien gebetet,
die keine Gottesdienste mehr feiern sollten.
Nun gehen wir selbst schon in die dritte Woche ohne Gottesdienst –
und bereiten uns auf die Karwoche und Ostern vor,
ohne die gewohnte Gemeinschaft; jede und jeder für sich allein.
Und trotz dieser Erfahrungen ist es immer noch kaum auszumalen,
welcher Weg uns zu Ostern 2020 führen wird.

„Zuversicht“ – 7 Wochen ohne Pessimismus:
Wundersam, dass dieses Motto für die Passionszeit 2020 gewählt wurde!
Ich staune immer noch darüber.
Bei allen Sorgen, Zweifeln, Ängsten: Zuversicht ist am Platze!
Wir wissen nicht, wie es weitergehen soll bzw. wird –
aber wir haben guten Grund, zu vertrauen, zuversichtlich zu sein.
So viele kleine Hoffnungszeichen finden wir in unserer Umgebung;
auf den Wegen, die wir suchen – selbst, wenn wir in Quarantäne in den immer gleichen vier Wänden sind:

Nachbarn, die sich kümmern; Telefonate und Skype-Anrufe mit Verwandten, Freunden, Kollegen.
Die hohe Einsatzbereitschaft der Menschen in den Krankenhäusern,
in der Pflege, im Einzelhandel, in den städtischen Diensten und wo immer außerordentliche Erfordernisse benötigt werden,
bei der Rückholung der Auslandsreisenden; in der Unterstützung der europäischen Nachbarn, deren Gesundheitswesen in die Knie geht.

Eines, liebe Gemeinde, gibt Jesus Jakobus und Johannes, gibt er auch denen, die sich über sie ärgern, gibt er auch uns mit:
Das ist ein anderer Wunsch – kein „Wunsch frei“, keine Realitätsflucht:

Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein;
und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.

Liebe Leserinnen und Leser:
6 Jahre lang war ich Pfarrer der Nordgemeinde, in Erlöser.
Im Blick auf diese Zeit scheint mir dieser Wunsch Jesu gut zu passen –
darum habe ich unter den Texten, die diesem Sonntag zugeordnet sind, diesen ausgewählt.
Dabei passt vieles daran ja gar nicht:
Weder habe ich mich als Knecht oder Diener erlebt, noch als der Erste –
und es ging mir auch nicht ums „Groß-Sein“.
Aber in vielen Situationen habe ich die Wahrheit dieser Worte erfahren.
In der Gemeinschaft des Kirchengemeinderats, im Zusammenwirken mit den Kolleginnen und immer mehr und immer besser in der großen Runde der Dienstbesprechung(en) mit den angestellten Mitarbeitenden.
Denn es ging dort weder ums Knechten, noch ums Dienen;
es ging nicht darum, groß zu sein oder der erste.
Aber sehr wohl ging es uns dabei um unseren Dienst für die Mitglieder unserer Kirchengemeinde.
Sehr wohl haben wir dort mitgeholfen, die gute Nachricht zu verbreiten,
haben uns nach Kräften gemüht, in unserem Tun und Lassen, Reden und Zuhören, Beten, Singen und Arbeiten Jesus Christus zu Diensten zu sein –
Kirche zu sein.

Alles Tun unserer Jugendreferentin, unseres Diakons, der Musiker, MesnerINNEN und Hausmeister, der KGR-Mitglieder –
es ist Gottesdienst im umfassenden Sinn.

Und der Clou dabei:
Wo wir nach Kräften und oft genug mit allen Grenzen und Schwächen so Gott zu Diensten sind – da ist er schon längst im Dienst an uns –
darum geht es ja im Kern der Sache; das ist der tiefere Sinn der Passion.

Liebe Gemeinde:
Es ist ein guter Wunsch Jesu.
Kein Wunsch, der unseren Drang zur Realitätsflucht befördert.
Nicht aus dieser Situation heraus entkommen – so stark in uns auch die Sehnsucht ist nach dem, was wir zur Zeit so sehr vermissen.

Heute um 16 Uhr, so war der Plan, hätten wir letztmals gemeinsam Gottesdienst gefeiert, auch hier natürlich im doppelten Sinn des Wortes, um anschließend Abschied zu nehmen.
Die Umstände haben das unmöglich gemacht – wir müssen den Abschied verschieben, bis sich die Lage ändert.
Das wäre ein Wunsch: Dass wir im Sommer dazu Gelegenheit haben werden – wenn auch vielleicht nicht so, wie wir es vor der Krise gewohnt waren.

Und bis dahin, liebe Schwestern und Brüder, wollen wir dem Wunsch Jesu Raum geben und unseren Dienst so gut wir können tun
an denen, die neben und mit uns unter den Beschränkungen zu leiden haben: So machen wir uns auf den Weg aufs Osterfest zu,
den Weg der Passion Jesu, der, obwohl er ins Leiden und den Tod führte,
ein Weg der Zuversicht ist – mit dem völlig unvermuteten Sieg des Lebens über die Macht des Todes als Ziel.

Seien Sie Gott befohlen –
AMEN

Fürbittengebet
Du, unser Gott,
was wir bisher weit weg von uns glaubten
hat uns erreicht:
ein Virus, das die gewohnte Ordnung im Land durcheinanderbringt
und unser Leben spürbar einschränkt.
Viele von uns haben Angst vor dem,
was noch werden kann.
Viele wissen nicht, wie sie schaffen sollen,
was nun verlangt ist.
Viele bangen um ihre wirtschaftliche Existenz.
Gott,
alles ist so ungewohnt, fremd, unabsehbar – 
und wir können nicht einmal mehr zusammenkommen,
um uns im Gottesdienst stärken zu lassen.
Wir denken an die Infizierten,
die in Quarantäne warten,
was auf sie zukommt:
Lass sie den Beistand erhalten,
den sie brauchen.
Wir bitten dich für die Erkrankten,
die um ihr Leben kämpfen:
Halte deine Hand schützend über sie
und bewahre denen, die sie behandeln und die sie pflegen
ihre Kraft und Menschlichkeit.
Wie gut,
dass so Viele ihr Wissen einsetzen,
um das Virus zu bekämpfen:
Lass ihre Erkenntnisse allen Menschen zugutekommen,
und gib denen, die jetzt entscheiden müssen,
wie es weitergeht,
Weisheit, Mut und einen Blick für die,
deren Leben sich dadurch ändert.
Gott, stärke den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft,
weite unseren Blick für die,
die uns gerade jetzt brauchen,
und lass uns über die Sorge um das eigene Leben
nicht die vergessen,
die schlimmer dran sind,
die keine Hilfe erfahren,
die an den Grenzen Europas um ihr Überleben kämpfen.
Bring uns in dieser Krise zur Einsicht
für das, was im Leben wirklich zählt,
und weck in uns Kräfte zum Guten.
Wir danken Dir für jeden Dienst, den andere tun an unserer Gesellschaft,
auch für alles, was wir mit unseren Kräften vermögen –
aber zuerst für alle Zuversicht, zu der uns Dein Dienst an uns
frei macht – im Leben, Sterben und Auferstehen
Jesu Christi

Vaterunser

Segen:
Der HERR segne euch und behüte euch.
Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig.
Der HERR erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden.
AMEN

Predigt am Sonntag Lätare (22.03.2020)

Pfarrer Karl-Eugen Fischer

Liebe Gemeinde

Lätare heißt dieser Sonntag: „Freut euch!“
Wie können wir uns an diesem Sonntag freuen, wo wir doch das ganze Gemeindeleben heruntergefahren haben: keine Gottesdienste, keine Andachten, kein Konfirmandenunterricht, keine Gruppen, keine Kitas.

Lätare, freut euch – eine seltsame Aufforderung in Zeiten des Corona-Virus und all den Folgen, die seine rasend schnelle Verbreitung für unseren Alltag mit sich bringt.

Lätare, freut euch – Schulen und Hochschulen geschlossen, Veranstaltungen abgesagt, Ausgangssperren, „Soziale Distanz“ damit die Verbreitung des Virus sich wenigstens verlangsamt und unser Gesundheitssystem nicht zusammenbricht.

Lätare, freut euch – Wie können wir unseren Mitmenschen Trost spenden, wenn wir keine Besuche mehr machen dürfen? Wenn wir nicht mehr miteinander feiern und Gemeinschaft erleben können?

Lätare, freut euch – gerade an diesem Sonntag, der auch als kleines Osterfest in der Passionszeit bezeichnet wird, begegnet mir unser heutiger Predigttextes wie eine Botschaft aus einer anderen Welt.

Jesaja 66,10-14
10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.
11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.
12 Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen.
13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.
14 Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

Die Menschen, an die dieser Text gerichtet war, befanden sich in einer trostlosen Situation. Nach der Euphorie über die Befreiung aus der babylonischen Gefangenschaft war im „gelobten Land“ Ernüchterung eingetreten.
Der persische König Kyros hatte den Jüdinnen und Juden die Heimkehr aus dem Exil in Babylon ermöglicht. Kyros wurde als Messias, als Gesalbter Gottes gefeiert.
Aber im Land ihrer Väter und Mütter entwickelte sich das Leben für die Heimgekehrten alles andere als erhofft:
Es gab Konflikte mit der ansässigen Bevölkerung um Eigentumsansprüche.
Die Schere zwischen Arm und Reich öffnete sich rasant.
Es gab religiöse Streitigkeiten um die Bedeutung des wieder errichteten Tempels. Von Solidarität keine Spur.
Die alten Konflikte, die einst zum Untergang der Heimat und dem Verlust der Freiheit beigetragen hatten, brachen wieder auf. Dies war nicht das „neue Jerusalem“. Das war nicht das, was Gott für sein Volk vorgesehen hatte.
In dieser Situation tritt nun ein Prophet auf, der seine Mission darin sieht, den Menschen die Augen zu öffnen, sie zu trösten und ihnen Mut zu machen, neue Wege des Zusammenlebens zu beschreiten.
Nicht in der Wiederherstellung des Alten, sondern in der Entwicklung und Realisierung neuer Perspektiven sieht der Prophet die schöpferische Kraft Gottes am Werk und damit den Weg in die Zukunft:
Weg mit den alten patriarchalen, kriegerischen und feudalen Strukturen. Das neue Jerusalem wird im Bild einer Mutter beschrieben, die für ihre Kinder sorgt: Trost, Geborgenheit, Frieden und Wohlstand, die wie ein überfließender Bach alle erreichen – auch die, die bisher nur am Rande standen. Gott ist nicht mehr der Kriegs-Herr und Held, sondern Gott wird in weiblichen Bildern beschrieben. Nicht mehr Selbstbehauptung durch Abgrenzung und Absonderung, sondern Solidarität, Fürsorglichkeit und Toleranz zeichnen Gott und damit das Wertegerüst der neuen Gesellschaft aus.
Der Prophet will die Menschen nicht vertrösten sondern ihnen die Augen öffnen für die gegenwärtige Situation. Er will zeigen, wo die Schwachstellen sind und auf das hinweisen, wo sich mitten im Alten neue Möglichkeiten abzeichnen.

An dieser Stelle trifft sich die Prophetie des (dritten) Jesaja mit der profanen Vision des Zukunftsforschers Matthias Horx für unsere Zeit.
Er hat im Blick auf die Coronakrise einen Artikel verfasst, in dem er ähnlich vorgeht wie der biblische Prophet fast zweieinhalb tausend Jahre vor ihm. Er entwickelt eine Vision, die ermutigt, mit einer kritischen Situation kreativ umzugehen.

Ich kann hier diesen Artikel nich im vollen Umfang wiedergeben, aber ich möchte doch ein paar Stellen zitieren und Ihnen darüber hinaus den vollen Wortlaut empfehlen.

Matthias Horx, sagt, dass die Welt , die wir kennen, sich gerade auflöst. Ein „Nach der Corona-Krise“ wird es nicht geben. Wir werden lediglich lernen, mit Corona zu leben wie wir gelernt haben mit der Grippe zu leben.
Und wann kehrt dann wieder Normalität ein? Niemals, sagt er. Die Welt die wir  kennen löst sich  auf. „ Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können.“

Er bietet nun eine Übung an, die er „Re-Gnose“ nennt – im Unterschied zu den unzähligen, meist düsteren Pro-Gnosen dieser Tage:

Dazu sollen wir uns vorstellen, aus der Zukunft, etwa dem September 2020, auf unsere jetzige Situation zurückzublicken. Was würde geschehen?
Wir werden uns wundern, wozu wir in der Lage sind.
Teilweise hat sich das ja schon in der so genannten Flüchtlingskrise 2015 gezeigt. Nun sind die Herausforderungen weit größer und siehe da:

Wir würden uns wundern, dass das „sozial distancing“, die sozialen und ökonomischen Verzichtsleistungen nach einer Schockstarre nicht unbedingt Verlust, sondern Befreiung aus den Hamsterrädern grenzenloser Kommunikation, Produktion und Konsums bedeuten und neue Möglichkeitsräume eröffnen würde.

„Paradoxerweise erzeugte die körperliche Distanz, die der Virus erzwang, gleichzeitig neue Nähe. Wir haben Menschen kennengelernt, die wir sonst nie kennengelernt hätten. Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose und locker geworden waren. Familien, Nachbarn, Freunde, sind näher gerückt und haben bisweilen sogar verborgene Konflikte gelöst.
Die gesellschaftliche Höflichkeit, die wir vorher zunehmend vermissten, stieg an.“

Die Dominanz der Technik über das Menschliche wurde gebrochen:

„Nicht so sehr die Technik, sondern die Veränderung sozialer Verhaltensformen war das Entscheidende. Dass Menschen trotz radikaler Einschränkungen solidarisch und konstruktiv bleiben konnten, gab den Ausschlag. Die human-soziale Intelligenz hat geholfen. Die viel gepriesene Künstliche Intelligenz, die ja bekanntlich alles lösen kann, hat dagegen in Sachen Corona nur begrenzt gewirkt.
Damit hat sich das Verhältnis zwischen Technologie und Kultur verschoben. Vor der Krise schien Technologie das Allheilmittel, Träger aller Utopien. Kein Mensch – oder nur noch wenige Hartgesottene – glauben heute noch an die große digitale Erlösung. Der große Technik-Hype ist vorbei.
Wir richten unsere Aufmerksamkeiten wieder mehr auf die humanen Fragen: Was ist der Mensch? Was sind wir füreinander?“

Die Börse schrumpft – die Welt atmet auf

„Wir werden uns wundern, wie weit die Ökonomie schrumpfen konnte, ohne dass so etwas wie „Zusammenbruch“ tatsächlich passierte, der vorher bei jeder noch so kleinen Steuererhöhung und jedem staatlichen Eingriff beschworen wurde. Obwohl es einen „schwarzen April“ gab, einen tiefen Konjunktureinbruch und einen Börseneinbruch von 50 Prozent, obwohl viele Unternehmen pleite gingen, schrumpften oder in etwas völlig anderes mutierten, kam es nie zum Nullpunkt. Als wäre Wirtschaft ein atmendes Wesen, das auch dösen oder schlafen und sogar träumen kann.
Heute im Herbst, gibt es wieder eine Weltwirtschaft. Aber die Globale Just-in-Time-Produktion, mit riesigen verzweigten Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden, hat sich überlebt. Sie wird gerade demontiert und neu konfiguriert. Überall in den Produktionen und Service-Einrichtungen wachsen wieder Zwischenlager, Depots, Reserven. Ortsnahe Produktionen boomen, Netzwerke werden lokalisiert, das Handwerk erlebt eine Renaissance. Das Global-System driftet in Richtung GloKALisierung: Lokalisierung des Globalen.

Wir werden uns wundern, dass sogar die Vermögensverluste durch den Börseneinbruch nicht so schmerzen, wie es sich am Anfang anfühlte. In der neuen Welt spielt Vermögen plötzlich nicht mehr die entscheidende Rolle.

Wichtiger sind gute Nachbarn und ein blühender Gemüsegarten.

Könnte es sein, dass das Virus unser Leben in eine Richtung geändert hat, in die es sich sowieso verändern wollte?“

Was wir erleben, hat etwas Apokalyptisches. Aber die Apokalypse ist nicht das Ende – so schlimm deren Auswirkungen sind und das sollte immer mit bedacht werden. Jedes Opfer dieser Krise ist ein Opfer zu viel. Gott will keine Opfer, Gott will Barmherzigkeit bzw. Solidarität.

Die Apokalypse ist nicht das Ende, sondern ein Neuanfang.

„Die kommende Welt wird Distanz wieder schätzen – und gerade dadurch Verbundenheit qualitativer gestalten. Autonomie und Abhängigkeit, Öffnung und Schließung, werden neu ausbalanciert. Dadurch kann die Welt komplexer, zugleich aber auch stabiler werden.“

„Wir werden durch Corona unsere gesamte Einstellung gegenüber dem Leben anpassen – im Sinne unserer Existenz als Lebewesen inmitten anderer Lebensformen.“ sagt Slavo Zizek im Höhepunkt der Coronakrise

„Jede Tiefenkrise“, so Horx weiter „hinterlässt eine Story, ein Narrativ, das weit in die Zukunft weist.
Eine der stärksten Visionen, die das Coronavirus hinterlässt, sind die musizierenden Italiener auf den Balkonen.

Die zweite Vision senden uns die Satellitenbilder, die plötzlich die Industriegebiete Chinas und Italiens frei von Smog zeigen. 2020 wird der CO2-Ausstoss der Menschheit zum ersten Mal fallen. Diese Tatsache wird etwas mit uns machen.

Wenn das Virus so etwas kann – können wir das womöglich auch? Vielleicht war der Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.
Aber sie kann sich neu erfinden.
System reset.
Cool down!
Musik auf den Balkonen!
So geht Zukunft.“

Den ganzen Artikel von Matthias Horx finden Sie >>> hier<<<

Lätare – freut euch! Diesem Ruf kann ich heute angesichts der weltweiten Opfer dieser Krise nicht folgen.
Aber ich will mich trösten lassen von einer Gottheit, die „wie eine Mutter tröstet“.
Ich will mich trösten lassen von der Vision einer neuen Welt, die sich „hinter unserer Welt as we know zumindest erahnen lässt.“
Einer Welt in der Friede, Gerechtigkeit und Wohlstand wie ein Strom, wie ein überfließender Bach alles Leben auf diesem Planeten erreicht.
Denn auch mitten in der Krise „haben wir die Wahl, uns nicht von bösen Erfahrungen leiten zu lassen, sondern von den guten Erwartungen“ (E. Lange)
Und so Gott will, werden wir es sehen. Dann wird unser Herz sich freuen, und unser Gebein wird grünen wie Gras.

 

Fürbitten

Jesu, meine Freude.
 Wir singen es.
 Allein und mit schwacher Stimme -
und sind nicht allein.
 Wir singen es.
 Getrennt von unseren Freundinnen und Freunden -
und sind nicht allein.
 Erbarme dich.

Jesu, meine Freude.
 Wir singen es bangen Herzens,
 in Sorge um die Kranken -
und sie sind nicht allein.
Wir singen es bangen Herzens, 
in Trauer um geliebte Menschen –
und sind nicht allein.
 Erbarme dich.

Jesu, meine Freude.
 Wir singen es unter deinen Schirmen.
 Wir singen es 
und bitten um Schutz und Schirm für alle
 die pflegen,
 die forschen,
 die retten.
 Wir singen es 
und bitten um Frieden
 in unserem Land,
 bei unseren Nachbarn 
in Syrien.
 Erbarme dich.

Jesu, meine Freude.
 Allein und in dir verbunden singen wir.
 Wir singen und loben dich.
 Wir singen und beten mit unseren Freundinnen und Freunden.
 Wir singen und hoffen für alle, um die wir Angst haben,
 Dir vertrauen wir uns an,
 heute, morgen und jeden neuen Tag.

Vater unser im Himmel
geheiligt werde dein Name
dein Reich komme
dein Wille geschehe
wie im Himmel so auf Erden
unser tägliches Brot gib uns heute
und vergib uns unsere Schuld
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern
und führe uns nicht in Versuchung
sondern erlöse uns von dem Bösen
denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit

Amen.

 

 

 

 

Predigt am Sonntag Okuli, Lukas 9,57-62 (15.03.2020)

Pfarrer Karl-Eugen Fischer

Jesus und seine Jünger und Jüngerinnen sind auf dem Weg nach Jerusalem – und:

„unterwegs sagte jemand zu Jesus: „Ich will dir folgen, wohin du auch gehst!“ Jesus antwortete ihm: „Die Füchse haben ihren Bau, und die Vögel haben ihr Nest. Aber der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sich ausruhen kann.“
Einen anderen forderte Jesus auf: „Folge mir!“ Aber der sagte: „Herr, erlaube mir, zuerst noch einmal nach Hause zu gehen und meinen Vater zu begraben.“ Aber Jesus antwortete ihm: „Überlass es den Toten, ihre Toten zu begraben. Du aber geh los und verkünde das Reich Gottes.“
Wieder ein anderer sagte zu Jesus: „Ich will dir folgen, Herr! Doch erlaube mir, zuerst von meiner Familie Abschied zu nehmen.“ Aber Jesus sagte zu ihm: „Wer die Hand an den Pflug legt und dabei zurückschaut: der eignet sich nicht für das Reich Gottes.“

Liebe Gemeinde,
streng, kompromisslos tritt Jesus hier auf. Wer mit ihm gehen will, darf sich von keinen religiösen Pflichten oder dem, „was sich gehört“, aufhalten lassen.
Wie geht es Ihnen/Euch wenn Sie das hören? Mich macht das nervös. Warum diese Strenge? Wie hören wir so etwas in Zeiten von religiösem und politischen Fundamentalismus? Was will dieser Text von mir?

Schauen wir die Situation genauer an: Jesus und die Seinen sind nach Jerusalem aufgebrochen. Zum Passafest. Vorher wanderten sie in Galiläa und am See Genezareth. Dort war der Weg das Ziel. Und der Grund ihrer Wanderung waren Menschen, die gute Worte und Heilung brauchten.
Diese Zeit ist vorbei. Jesus weiß das.
Er hat den Freundinnen und Anhängern mehrfach angekündigt: In Jerusalem wird ihn die Gewalt der Gegenbewegung ihn das Leben kosten. Der Aufbruch nach Jerusalem ist also der Anfang vom Ende der Lebensgemeinschaft Jesu. Wer jetzt mitkommt, darf die Konsequenzen nicht fürchten.
Der Weg hat nun ein Ziel.

Lukas berichtet von drei Begegnungen auf dieser ersten Wegetappe. Sie zeigen, dass es jetzt drauf ankommt. Jetzt muss alles andere zurückstehen.
Der letzte Satz unseres Textabschnittes bringt es auf den Punkt: Wer die Hand an den Pflug legt und dabei zurückschaut, der eignet sich nicht für das Reich Gottes.
Ein Bild aus dem Alltag, damals, aus dem bäuerlichen Alltag. Gepflügt wurde mit Ochsengespannen, und man oder frau brauchte alle Konzentration, um bei dem oft steinigen Boden die Ochsen bei der Stange und den Pflug in der Spur zu halten. Wer sich umsieht, um zu kontrollieren, ob die Linie stimmt, verbaselt es, pflügt krumme Furchen und verliert die Linie. Wer die Hand an den Pflug legt – wer diese Aufgabe anpackt –, muss sich sicher sein. Unsichere Blicke verunsichern auch die Ochsen, die ihn ziehen.
Das heißt: Wer jetzt – auf dem Weg nach Jerusalem – bei Jesus bleiben will, muss wissen, was er und sie tut.
Wer jetzt mit Jesus geht, verlässt sein altes Leben. Er oder sie kann das jetzt nicht mehr auf Probe machen. Oder auf Zeit. Darum ist es ungeschickt, der Höflichkeit oder familiären Pflichten Genüge zu tun. Warum jetzt noch zur Beerdigung gehen, warum noch Abschied nehmen, wenn man schon gebrochen hat: Mit der Familie, dem alten Leben, den alten Zielen und aufbricht in das Lebensreich Gottes koste es, was es wolle? Das ist hart. Schroffheit macht den Abschied leichter.
Die drei Begegnungsgeschichten auf dem ersten Wegstück nach Jerusalem sind Entscheidungsgeschichten: Ganz oder gar nicht, jetzt oder nie, Ja oder Nein.
Ich habe diese Geschichten schon oft gelesen. Immer dachte ich: Die Leute haben die Wahl – entweder im alten Leben bleiben oder Jesus nachfolgen.
Heute machen meine Gedanken einen Umweg. Zum Stichwort „zurückschauen“ bei dem Pflugwort denke ich an die Frau von Lot – wir haben es als Schriftlesung gehört (1.Mose 19, 15.16.17.23-26) – Auf der Flucht aus Sodom schaut sie hinter sich und erstarrt zur Salzsäule.
Lots Frau – leider wissen wir ihren Namen nicht – verlässt ihre Stadt nicht freiwillig. Sie folgt, wie ihr Mann und die Töchter, den Warnungen der Engel-Männer, die zu Besuch gekommen sind und die Vernichtung der Stadt angekündigt haben.
Sie selbst wird nicht gefragt. Gefragt werden nur die Verlobten der Töchter. Aber die kommen nicht mit und darum am Ende auch ums Leben.
Lots Frau steht nicht vor einer Wahl. Vielleicht hat sie gesagt: „Lot, lass mich noch von meiner Freundin Abschied nehmen und der Nachbarin den geliehenen Krug zurückgeben.“ Und er hat vielleicht geantwortet: „Dazu ist keine Zeit. Gott hat die „Engel-Männer“ geschickt, uns zu retten, und wir müssen jetzt mitgehen, jetzt sofort, oder es ist zu spät.“
Und beim Morgengrauen brechen sie auf und flüchten in Richtung Zoar. Der Frau wird erst auf dem Weg klar, was sie zurück gelassen hat: Ihr ganze Welt. Nachbarinnen und Freundinnen, deren Gemeinschaft und die alltägliche Solidarität des Borgens und Teilens und Einander-Beistehens endgültig verlassen hat.
Und es wird ihr klar, dass diese Welt noch eine andere Wirklichkeit hat als die Frauenwelt des Alltäglichen. Es ist die Männer-Welt von Machtstreben, Unmoral, Gier und Geiz und Unterdrückung. Sie hat zerstörerische Folgen .– Die Frau dreht sich um, wirft noch einmal einen Blick zurück, und sieht die Zerstörung und das Ende ihrer Stadt – und erstarrt.
Alles Leben verlässt sie. Alle Lebendigkeit. Alle Kraft.
Das untergehende alte Leben nimmt sie gefangen.
Vielleicht erkennt sie noch, dass es wirklich keine Wahl war, den Männern zu folgen, sondern die einzige Chance. Auf jeden Fall erkennt sie es zu spät. Für sie ist es zu spät.
Sie kommt nicht an am Ort der Zuflucht, sie kommt nicht an im Reich Gottes. Sie erstarrt in ihrer Depression.

Ich denke, ein Stück dieser Erfahrung schwingt mit in der Begegnungen mit Jesus auf dem Weg nach Jerusalem:Es ist nicht einfach eine Wahl ist, ob jemand mit Jesus gehen will oder eben nicht, sondern das Mit-Jesus-Sein und das Ankommen im Reich Gottes es ist eine Frage von Sein oder Nichtsein.
Weil das Wesen dieser Welt vergeht.
Weil die armen Bauern und Fischerinnen, die Jesus folgten, das nicht aus moralischen Gründen taten, sondern weil er Lebensworte sprach, und weil ansonsten um sie herum nur bittere Armut und Todesnähe war.
Und weil für sie das Reich Gottes nicht ein heiliges Irgendwann-Mal war, sondern die einzige Möglichkeit, zu leben, Frieden zu haben und zu essen und zur Arbeit oder zur Schule gehen zu können. Und dass die Entscheidung darin bestand, sich von den inneren Bindungen der Armut und der Überzeugung, nichts zu können und zu nichts zu taugen, zu lösen und beherzt den Pflug zu fassen und zu sagen: Ich kann das, ich kann mit Jesus aufbrechen in das Reich des Lebens – und pflügen, ohne Angst, ob denn die Furche auch gerade würde.
Die Zusammenschau mit der Fluchtgeschichte von Lots Familie macht deutlich, dass die Nachfolge, das sich auf Jesus Einlassen nicht etwas ist, was man tun oder auch lassen kann, sondern schlicht der Weg zum Leben. Der Alltag ohne Jesus führt zum Tode oder in die Katastrophe. Wir haben die Wahl zwischen Leben und Tod, und auf der Seite Jesu ist das Leben.

Wir? Wir kennen diese Dringlichkeit heute nicht, oder zumindest nehmen wir sie nicht wahr. Wir finden sie auch nicht in unseren Kirchen.
Wir suchen und finden immer wieder Auslegungen, die es möglich machen, Nachfolge Jesu und das Im-Alten-Leben-Bleiben zu verbinden. Dafür mag es Gründe geben. Aber ich finde auch, wir sollten die Schroffheit Jesu nicht aus den Texten hinaus interpretieren, nur weil wir eine Wahl haben, mit oder ohne Jesus zu leben. Und weil wir darum das Reich Gottes zum Heiligen „Sankt Nimmerlein“ gemacht haben und vergessen, dass es damit zuallererst und ganz einfach darum geht, zu wissen, wem man in ein Land des Lebens folgen kann.
Die Geschichte von Lots Frau ist heute ja ganz aktuell und alltäglich: Wie viele Menschen gehen auf die Flucht, weil ihre alte Welt zusammenbricht unter den Folgen der Machtgier und Brutalität von Herrschercliquen oder Terrormilizen.
Weil ihre alte Welt keine Sicherheit und Zukunft bieten kann und an den Konsequenzen von Unmoral, Wirtschaftsimperialimus und der Unersättlichkeit der ersten Welt zerbricht.
Weil ihr altes Leben todgeweiht ist.
Wie viele Frauen brechen mit ihren Kindern auf, um ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen.
Und schauen sich auf der Flucht noch einmal um und sehen ihre brennenden Häuser, Dörfer, Städte und erstarren innerlich und können den Kindern, um die es doch geht, kaum noch emotionale Heimat geben.
Wie viele Familien schicken ihre jungen, gesunden, ungebundenen Männer los in ein besseres Land, zum Geldverdienen, damit die Sippe überleben kann?
Wie viele Männer, Frauen und Kinder ertrinken irgendwann in den Fluten des Mittelmeeres oder werden so gerade eben gerettet und sind innerlich erstarrt vor Enttäuschung, wenn sie in Europa dann von Pontius nach Pilatus geschickt und am Ende wieder abgeschoben werden.
Sie alle hatten sich entschieden, den Gerüchten über das gelobte Land zu folgen, sie hatten sich entschieden, weil sie eben nicht die Wahl hatten, sondern nur eine Chance, das Reich des Lebens zu erreichen: Europa. Deutschland.
Hier ist nicht das Reich Gottes, wollen Sie einwenden? Ja, Sie haben Recht, hier ist nicht das Reich Gottes. Aber ein gutes Stück von ihm sollte in uns sein, und dazu führen, dass wir zum Reich des Lebens werden für die Flüchtlinge, die keine Wahl hatten, die oft genug durch ihren Blick zurück so traumatisiert sind, dass es vielleicht zu spät für sie ist. Wie für Lots Frau. 
Aber vielleicht auch nicht, denn wir wissen doch, wie man selbst Erstarrte wieder ins Leben führen kann: Durch Seelsorge und Therapie und das Gefühl, in Sicherheit zu sein. Ein ganzes Stück Reich Gottes kann unser Land für Flüchtlinge sein, wenn wir alle mithelfen.
Es kann aber auch sein, dass wir an dem Schicksal der Fliehenden theologisch erkennen, dass wir selbst gar nicht so sehr die Wahl haben, ob wir Jesus nachfolgen wollen oder eben nicht, sondern dass auch unsere alte Welt kurz davor ist, an den Folgen von Gier und Gewalt und den Konsequenzen von Egoismus und maßlosem Wachstum kaputtzugehen, und dass es längst auch für uns darauf ankommt, das Reich des Lebens zu erreichen. Und dass wir eigentlich nur eine Wahl haben: Uns ganz auf Jesus einzulassen, und unsere ganze bürgerliche, reiche Welt aufs Spiel zu setzen, um ein Reich des Lebens für alle zu errichten. Ein Reich des Lebens, das kaum noch vom Reich Gottes zu unterscheiden wäre, außer, dass Gottes Gerechtigkeit und seine Lebendigkeit und seine Barmherzigkeit immer noch mehr sind als alle Reiche des Himmels und der Erde.
Lassen Sie uns das nicht gleich abtun: Dass wir nur eine Wahl haben, das alte Leben zu verlassen, und dass Jesu Worte in unserem Predigttext deshalb so schroff sind, weil es ums Leben geht, auch ums Leben durch den Tod hindurch.
Die Hand an den Pflug legen. Nicht zurück sehen. Nicht erstarren. Lebendig bleiben. Dazu können wir uns entscheiden.
Amen

Fürbitten

Du Gott des Lebens, Jesus Christus,
du rufst uns und wir wollen dir nachfolgen.
Du rufst uns, aber wir sind unsicher.
Du rufst uns, aber wir fürchten uns.
Ungewissheit und Angst erfüllen unsere Gedanken.
Wir sind in Sorge.
Wir sorgen uns um unsere Lieben.
Wir vertrauen sie deiner Fürsorge an.
Behüte und bewahre sie.
Wir vertrauen uns deiner Fürsorge an.
Behüte uns und bewahre uns.
Kyrie eleison – Christe eleison – Kyrie eleison
Krankheit bedroht die Schwachen.
Wir sind hilflos.
Wir wissen, dass wir sie nicht schützen können.
Wir vertrauen die Kranken deiner Fürsorge an.
Behüte und bewahre sie.
Wir bitten für die Sterbenden –
in unserer Nähe und in aller Welt.
Behüte sie und erbarme dich.
Wir danken dir für alle,
die in Krankenhäusern, Laboren und Ämtern arbeiten
und sich um das Wohl aller mühen.
Behüte und leite sie und erbarme dich.
Kyrie eleison – Christe eleison – Kyrie eleison
Der Krieg in Syrien endet nicht.
Wir hören von den Flüchtlingen,
Sie wollen der Gewalt entkommen.
Behüte und bewahre sie.
Wir hören von den Kindern in Lagern und auf der Flucht.
Sie werden für fremde Machtinteressen benutzt.
Wir wissen, dass unser Mitleid nicht genügt.
Behüte und bewahre sie.
Wir hoffen auf das Ende der Gewalt.
Leite die Mächtigen.
Kyrie eleison – Christe eleison – Kyrie eleison

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