Aktuelle Predigten

Predigt zum 100. Todestag von Otto Umfrid am 24. Mai 2020, 6. Sonntag nach Ostern, Exaudi

Pfarrer i.R. Harald Wagner

Otto Umfrid, bereits erblindet

 

Begrüßung

Selig sind die Friedenstifter denn sie werden Gottes Töchter und Söhne heißen.

Mit diesem Satz aus der Bergpredigt, der „Magna Charta der Gewaltlosigkeit“,
begrüße ich sie alle recht herzlich zum Gottesdienst, der heute in einer kurzen Form wieder gehalten werden kann.
„Selig sind die Friedfertigen “ steht auf dem Grabstein von Otto Umfrid, an dessen Grab gestern mit kurzen Lesungen seiner Texte gedacht wurde als einem Kirchenvater in Friedensfragen unserer evangelischen württembergischen Landeskirche. Es wurde auch ein Kranz mit Rosen und Lorbeeren, Symbol des Friedens niedergelegt. Otto Umfrid war Pfarrer an der Martinskirche.
Heute wollen wir in der Predigt seiner zum 100. Todestag gedenken, nach dem biblischen Motto „Gedenket eurer Lehrer“ die euch das Wort Gottes gesagt haben und folgt ihrem Glauben nach (Hebr. 13,7)
Mein Name ist Harald Wagner Ich bin Pfarrer i. R in Korntal und war von 1986-95 Beauftragter für KDV ZD und Friedensarbeit der württ. Landeskirche.

Predigt

Der Friede Gottes sei mit euch allen
Liebe Friedensgemeinde!
Nach einem Friedensgottes in der Christuskirche in Korntal kam die Frau des ehemaligen Prälaten Hartenstein auf mich zu und sagte mir: „Heute hätte sich mein Vater über ihre Friedenspredigt besonders gefreut“. Ja wer ist ihr Vater? Otto Umfrid Er war Pfarrer in Stuttgart“. Dies hat mich neugierig gemacht. Damals konnte man noch nicht googeln. Ich suchte in der Landesbibliothek, was ich über Otto Umfrid.der ursprünglich Unfrid hieß und sich umbenannte finden könnte.
Im Abendblatt der „Schwäbischen Chronik“ vom 25. Mai 1920 stand ein kurzer Nachruf: „In Winnenden ist am 23. Mai, im Alter von 63 Jahren, nach langem Leiden, Stadtpfarrer a.D. Otto Umfrid gestorben. In Nürtingen geboren, war er von 1884 als Geistlicher in Peterszell tätig gewesen. Im Jahre 1890 kam Umfrid an die Wanderkirche in Stuttgart. 1893 wurde ihm das Stadtpfarramt an der Martinskirche übertragen. Im Jahre 1913 musste er zurücktreten. Ein immer stärker werdendes Augenleiden machte ihm zu schaffen. In seinen Gemeinden war er mit großem seelsorgerlichem Erfolg tätig; Lieblingsarbeit seines Lebens aber war das Wirken für den Weltfrieden, die furchtbaren Schläge der Kriegsjahre haben ihm das Herz gebrochen. 1914 sollte er als einziger württembergischer Pfarrer den Friedensnobelpreis bekommen. Die Pazifistin Berta von Suttner hatte ihn vorgeschlagen Wegen des Ausbruches des 1.Weltkrieges hat er ihn nicht mehr erhalten. Seinen Ruhestand verbrachte er in Lorch. Eine schwere Depression führte ihn in die Heilanstalt in Winnenden. Dort ist er nun verstorben.”
Wer war dieser Mann? Mitchrist Friedenspfarrer Liebhaber des Friedens? Er litt an einem Augenleiden, einer Netzhautablösung, und sah doch klarer als seine vom Kriegsgeschrei verblendeten Zeitgenossen. Das Evangelium war für ihn Evangelium vom Frieden. Der innere Kern des christlichen Glaubens war für ihn Christus der Friedensgruß Gottes „Friede sei mit euch“ Aufgabe der Christen sei es dieses Friede sei mit euch praktisch zu leben: Feinde lieben und Gewalt überwinden. Umfrid nahm die Bergpredigt ernst als das Aufleuchten der Anderwelt Gottes.
„Daß die Schwerter nicht erst im Himmel zu Pflugscharen und die Spieße zu Sicheln gemacht werden“ Dies machte ihn zum Außenseiter in seiner Kirche Er wurde am Ende seines Lebens krank, eine gesunde Reaktion auf die seelische Krankheit „Friedlosigkeit“. Was bewegte diesen vergessenen schwäbischen Friedensfreund? Im Württ. Pfarrerverzeichnis heißt es von ihm, sein „Hobby“ sei das Wirken für den Frieden gewesen. Er war bekannt als Pazifist“. Er war Mitbegründer vieler Friedensgruppen in Württemberg. Er vernetzte sie im Landesverein der Friedensgruppen und brachte als ihr Vereinsorgan die Zeitschrift „Die Friedensblätter“ in Esslingen heraus. Die sozialdemokratische Zeitschrift „Der Beobachter“ stellte ihn als „Vorbild für andere Geistliche“ dar, „die so gern von Krieg und Kriegsgeschrei reden“. Sie hielten den Krieg für mehr wert als 1.000 Erweckungsprediger vom Schlage eines Elias Schrenk, da er „die Kirchen fülle“. Von seinen Gegnern wurde Otto Umfrid als „Friedenshetzer“ beschimpft.
Den Rüstungswettlauf bezeichnet er einen „Cäsarenwahnsinn“ in dessen Folge tausende von Kindern an Unterernährung sterben während sich der öffentliche und private Reichtum hebt Mit der Hälfte der Summe die man für Kriegszwecke ausgibt könnte man das menschliche Elend aus der Welt schaffen.
Otto Umfrid lebte in der Hoffnung auf die Abschaffung des Krieges „bevor es zu spät ist“. In dieser Hoffnung auf die Abschaffung der Institution des Krieges wandte er sich besonders an die Frauen. So schrieb er regelmäßig im Unterhaltungsblatt des
Schwarzwälder Boten „Briefe an unsere deutschen Frauen“ über die Friedensbewegung. „Ich glaube daran, dass wir alle dem Krieg ein Ende machen möchten. Dazu brauchen wir die Hilfe der Frauen. In deine Hände ist das wichtigste Erziehungswerk gelegt. Menschenliebe sollst du in die Herzen deiner Söhne pflanzen, nicht den Hass der Brüder. Wir brauchen fromme Geister, die unsere Männer in das goldene Land des Friedens leiten, die Frauen könnten solche Friedensengel sein.“
Zwanzig Jahre werbende Bemühungen um die evangelischen Geistlichen in Württemberg und Deutschland hatte Umfrid hinter sich. Schmerzliche Enttäuschungen, Zurückweisungen durch die Amtsbrüder, der antichristlichen Tendenzen geziehen; dennoch versucht er im Mai 1913 nochmals in „dieser letzten bösen Zeit“ die Mobilmachung der Kirchen gegen den Krieg mit einem Brief an alle Theologischen, Geistlichen und Hochschullehrer der Ev. Deutschen Landeskirche: Das „Gott mit uns, der Mobilmachung für den Frieden“ sei die Losung 1913. Umfrid spielt an auf das „Gott mit uns“ auf den Koppelschlössern. Das „Gott mit uns“ kann es nur für den Frieden geben. „Den Völkerfrieden zu erhalten, sagt man, müsse immer angespannter gerüstet werden, aber die Tatsachen zeigen, dass alle Kulturstaaten das Gleiche tun, dass bewaffneter Frieden den Anfang erneuten Rüstens bedeuten würde.“ Otto Umfrid hebt hervor, dass Recht vor Gewalt ergehen müsse, dass die Verständigung der Völker über eine Rechts-und Friedensgemeinschaft zwingend sei, und dass man den Völkern die Ethik zumuten müsse, die zwischen Einzelmenschen selbstverständlich ist. „Es ist schmerzlich zu bedauern, dass bisher nur ein verschwindender Teil der deutschen evangelischen Theologen den Völkerfrieden öffentlich vertritt, dass wir diese praktische Gefolgschaft Jesu Christi der kirchenfremden Sozialdemokratie überlassen.“ Diesem Aufruf schlossen sich 395 Geistliche an, andere nennen dieses Unternehmen ein Verbrechen, das an den „Hoch- und Vaterlandsverrat“ grenze. Die Reaktion Umfrids auf die Verunglimpfung durch die Amtsbrüder: „In manchen Kreisen scheint das ganze Christentum zum Satz ‚Seid untertan der Obrigkeit’ zusammenzuschrumpfen.“
Umfrid war mehrfach für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. 1914 sollte er ihn bekommen, doch der 1. Weltkrieg verhinderte die Würdigung seiner Friedensarbeit. Als er ausbrach, erfasste eine lähmende Depression alle, die prophetisch gegen ihn angekämpft hatten. Umfrid nannte ihn das „Golgatha der Friedensbewegung“. Auch im Krieg hörte er nicht auf, durch finanzielle Zuwendungen internationaler Organisationen, die Friedensarbeit zu unterstützen, trotz Bespitzelung durch den Staat. Er war sich bewusst, dass es eine Aufgabe von Generationen ist, den Krieg abzuschaffen. „Die Liebe zu den Kindern, zu den Enkeln“, so schreibt er, „muss uns helfen; der Altruismus, der den alten Mann bewegt, die Bäumchen anzupflanzen, deren Früchte erst das Enkelkind genießen soll; denn die Utopien von gestern sind die Wirklichkeiten von morgen“. wie gesagt :Auf seinem Grabstein steht die biblische Verheißung, die er mit seinem Leben und Werk bezeugte: „Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Auf der home- page der Landeskirche ist ein Video eingestellt von einer kleinen Gedenkfeier am Grab Umfrids . Prof Heckel würdigte Otto Umfrid, der sich gegen das Augsburger Bekenntnis CA 16 „daß Christen rechtmäßig Krieg führen dürfen.gestellt und CA 16 abgelehnt hat Wir Christen heute haben dagegen das Leitbild vom gerechten Frieden, d.h Gewalt überwinden Gerechtigkeit und Frieden und Bewahrung der Schöpfung gestalten .Es brauchte zwei Weltkriege, das Stuttgarter Schuldbekenntnis, „das Krieg darf nach Gottes willen nicht sein“ des Ökumenischen Rats der Kirchen, um das schlichte Evangelium vom Frieden, wie Umfrid es bezeugte, heute ernst zu nehmen und gegen Rüstungsexporte, Erneuerung von Atomwaffen, säbelrasselnde Manöver aufzustehen. „Selig sind die Friedensstifter“

 

 

 

 

Predigt am 17. Mai 2020, 5. Sonntag nach Ostern, Rogate

Pfarrer Karl-Eugen Fischer

Gang zum Abendmahl von Alfred Lörcher
Foto: Josh von Staudach

Wochenspruch: Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet. Ps 66,20

EG 602, 1.4.7. Auf, Seele, Gott zu loben

NL+ 913, Psalm 95
Gebet

Musik

Predigt Mt 6,1-18

1 Habt aber acht, dass ihr eure Gerechtigkeit nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden; ihr habt sonst keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel.
2 Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.
3 Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut,
4 auf dass dein Almosen verborgen bleibe; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.
5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.
6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.
7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.
8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.
9 Darum sollt ihr so beten:
Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt.
10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
11 Unser tägliches Brot gib uns heute.
12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]
14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben.
15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.
16 Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer dreinsehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Gesicht, um sich vor den Leuten zu zeigen mit ihrem Fasten. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.
17 Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht,
18 damit du dich nicht vor den Leuten zeigst mit deinem Fasten, sondern vor deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.

Liebe Mitmenschen,
dieser Tage wird viel über die Freiheit gestritten. Meinungsfreiheit Religionsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Bewegungsfreiheit. Nach Wochen der Einschränkungen scheint bei manchen der Druck so groß, dass es sie auf die Straße treibt um ihre angeblich gefährdeten Freiheiten lauthals einzufordern und zu demonstrieren. Viele merken dabei nicht, dass ihr Ruf nach Freiheit instrumentalisiert wird von Gruppen, die diese Freiheit für sich beanspruchen um anderen die Freiheit zu nehmen. Sie nennen die Demokratie, von der sie profitieren, eine Diktatur. Da geht vieles durcheinander. Selbst Kollegen meinen, das hätte es noch nicht mal bei Hitler und Stalin gegeben, dass man keine Gottesdienste mehr feiern darf.
Verschwörungsmythen sind wie Viren. Hoch ansteckend und kaum zu beherrschen.

Beherrschen? Bekämpfen? Vielleicht gibt es ja auch noch andere Möglichkeiten, mit Viren umzugehen.
Bei mir ist es die Angst, die mich angreifbar macht. Oder der Stress, der mein Immunsystem lahmlegt.
Gegen die Angst hilft nur beten. Ich kann Corona zwar nicht weg beten.
Aber vielleicht meine Angst.
„Du bist mein Atem wenn ich zu dir bete“, sagt Huub Osterhuis.
Beten ist wie atmen. Das Gebet ist der Atem der Seele. Nicht umsonst ist das bewusste Atmen der Anfang aller spirituellen Übungen in vielen Religionen. Der Atem ist der Beginn des Lebens und das bewusst atmende Leben ist Gebet.
Viele von uns haben das während unserer letzten Atelierkirche mit Daniel Beerstecher erlebt. Atemübungen und Slow Walk sind Nahrung für die Seele. Sie vertreiben die Angst. Die bauen Stress ab. Sie entschleunigen.
Beten entschleunigt. Beten heißt Langsamkeit zulassen. Langsam denken. Beten heißt Bedürftigkeit zulassen. Gewaltfrei denken. Beten befreit.

Die Bergpredigt Jesu ist ein Ruf zur Freiheit. Freiheit gegenüber der Verängstigung des Lebens. Und im heutigen Predigttext: Freiheit vom „Diktat“ der Anderen.
Drei mal betont Jesus: Spende, bete und faste. Aber nicht, um dabei gesehen zu werden und Anerkennung zu heischen. Tu’s im Verborgenen. Befreie dich vom Ansehen der Leute. Allein das Ansehen Gottes soll für dich etwas bedeuten.

Aber Freiheit verlangt noch mehr. Sie verlangt auch eine Befreiung von den eigenen Ansprüchen und Ambitionen. Ich bin – begünstigt durch die Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft, in der ich aufgewachsen bin, Sklave meiner eigenen Ansprüche. Erst wenn es mir gelingt, mich nicht mehr dauernd mit anderen zu vergleichen, danach zu fragen was haben die und ich nicht oder umgekehrt, erst dann bin ich frei vom „Diktat“ der Anderen.

Jesus entzieht das spirituelle Leben von Menschen – Almosen geben, beten, fasten – der Öffentlichkeit und verlegt es in einen für die Öffentlichkeit unzugänglichen Raum. Beraubt er mich damit nicht meiner Religionsfreiheit? Nein! Er ermöglicht sie erst. Warum?
In der Öffentlichkeit setze ich mich dem Urteil, dem Vergleich, der Kontrolle der Anderen aus. Im „stillen Kämmerlein“ bin ich unkontrollierbar. Im „stillen Kämmerlein“ bin ich frei.
Aber das ist doch keine Freiheit! Das ist Rückzug! Resignation!

Ich schau mir das nochmal genauer an. Denke langsam.
Bei Spenden soll ich mich nicht größer machen, als ich bin. Ich soll meine Spenden nicht vor mir her posaunen.
In der Zeit Jesu kündigten Posaunen Mächtige an. Freigiebigkeit galt als königliche Tugend und wurde entsprechend inszeniert. Das Neue Testament sagt, auch einfache Menschen können das. Aber inszeniert das nicht wie die Mächtigen.
Das entspricht der feinen jüdischen Sensibilität für Diskretion. Sie verlangt, dass der Empfänger der Spende nicht gedemütigt wird. Man soll ihn seine Not nicht spüren lassen in dem man die eigene Überlegenheit demonstriert.

Darum geht es auch beim Fasten. Es ist das Gegengewicht zur Spendenpraxis. Der bewusste Verzicht macht demütig. Aber auch hier gilt, dass ich nicht öffentlich in Sack und Asche gehen soll. Ich soll mich nicht kleiner machen als ich bin. Dabei schwingt die Erfahrung mit, dass man sich oft deshalb demütigt um in Wirklichkeit bewundert zu werden, nach dem Motto: In meiner Demut macht mir so schnell niemand etwas vor!
Jesus sagt: Zelebriere deinen Verzicht nicht öffentlich. „Salbe dein Haupt mit Öl“, d.h. trete in der Öffentlichkeit selbstbewusst wie ein König auf.

Die Aussagen zum Spenden und Fasten bilden eine Balance. Sie sagen: Mach dich nicht größer und auch nicht kleiner als du bist. Dein Wert und deine Würde hängt nicht davon ab, wie du in der Öffentlichkeit dastehst.
Beides hast du allein von Gott. Daher steht in der Mitte zwischen dem Spenden und dem Fasten das, was meine Beziehung zu Gott betrifft. Mein Kontakt mit Gott. Das Beten.
Vor Gott verschwinden alle Statusunterschiede. Gott ist der Dreh und Angelpunkt meines spirituellen Lebens. Nicht die Anderen.

Aber warum im Verborgenen? Erregt der Rückzug ins stille Kämmerlein nicht auch den Verdacht, dass man etwas zu verbergen hat?
Genau deswegen sagt das Mt-Evangelium an anderer Stelle: „Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar werde, und ist nichts heimlich, was man wissen wird.“ Mt 10,26
Ist das nicht ein Widerspruch?
Eine Parallele zum Gebot, Almosen zu geben, zu beten und zu fasten finden wir in den den Grundgeboten des Islam, den „fünf Säulen“.
Im Islam geschieht all das öffentlich. Vor allen das Gebet. Ist es nicht Ausdruck von Freiheit und Selbstbewusstsein in einer Gesellschaft, in der viele jede Äußerung von Religion lieber unsichtbar machen und – ins Private verdrängen wollen?

Ich muss sagen, dass ich meine Frömmigkeit lieber diskret gestalte. Da ist sie selbstbestimmt. Da vermeidet sie Streit. Da bleibt sie unkontrolliert.
Aber ich bin Pfarrer einer Gemeinde. Da gehört es zu meinen Aufgaben, Glauben und Religion in der Welt sichtbar zu machen.
Das entspricht auch einer anderen Forderung – ebenfalls aus der Bergpredigt: „So soll euer Licht leuchten vor den Menschen, dass sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ Mt 5,16
Der Widerspruch lässt sich auflösen, wenn ich bedenke, dass sich dieses Gebot an die Gemeinde richtet und jenes an mich als Einzelnen.
Ihr, die Gemeinde, ihr sollt nach außen leuchten, gute Werke tun, damit die anderen es sehen.
In eurer Mitte sollt ihr aber zulassen, dass der und die Einzelne ihre Frömmigkeit frei von der Kontrolle durch die Gemeinde gestalten kann:
Wenn du betest, geh in dein stilles Kämmerlein.

Eine Gemeinde, die auf Glaubens-Kontrolle nach innen verzichtet und nach außen strahlt, ist eine Gemeinde im Sinne der Bergpredigt Jesu – im Gegensatz zu einer Sekte, die keine Freiheit zulässt.
Zur Freiheit gehört also das selbstbewusste Auftreten nach außen und eine selbstbestimmte Spiritualität nach innen.
Aber was ist eine selbstbestimmte Spiritualität. Verbinden wir mit Spenden, Beten und Fasten nicht immer auch die heimliche Erwartung einer Anerkennung anderer, sei es von Gott oder von den Menschen?
Wirkliche Freiheit hat sich von dieser Erwartung verabschiedet. Der freie Mensch tut, was er oder sie tut nicht um des Lohnes oder Anerkennung, sondern um der Sache selbst willen.

Bedeutet das aber nicht auch die Befreiung von Religion, die Befreiung von der Anerkennung durch Gott? Steckt hinter der Motivation zum Guten nicht immer eine gewisse Abhängigkeit und Fremdbestimmung?

Wenn von „himmlischen Lohn“ die Rede ist, ist von einer Anerkennung die Rede, die ich schon habe, unabhängig von dem, was ich leiste. Bei Gott gibt es quasi ein bedingungsloses Grundeinkommen. Wenn ich Gutes tue, dann nicht um von Gott akzeptiert zu werden, sondern weil ich es bin.
Matthäus erzählt später das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-16). Alle bekommen denselben Lohn, egal wie lang sie gearbeitet haben.
Er erzählt das Gleichnis vom Menschensohn, der in den geringsten Schwestern und Brüdern verborgen ist. (Mt 25,31-46). Die Gerechten helfen den Hungernden und Dürstenden, Nackten und Obdachlosen, Kranken und Gefangenen ohne zu wissen, dass sie dadurch Gott selber helfen. Sie helfen um der Geringsten willen.

Die Mahnungen zum Spenden, Fasten, Beten im Verborgenen folgen derselben Logik: Der Lohn ist sicher. Deshalb soll dein Spenden, Beten Fasten nicht wegen des Lohnes geschehen. Darum ist die Bergpredigt ein Ruf zur Freiheit und zu Selbstbestimmtheit des Handelns. Darum ist die Bergpredigt modern: Die bedingungslose Anerkennung des Menschen durch Gott und die ethische Selbstbestimmung des Menschen hängen zusammen.
Aber halt: Es gibt in unserem Predigttext doch eine Bedingung: „Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ und „Wenn ihr den Menschen nicht vergebt, wird euch euer himmlischer Vater auch nicht vergeben“ (V.15)
Ich bin nicht vollkommen. Ich bin nicht frei von Schuld. Ich mache Fehler ohne es zu wollen und manchmal sogar ganz bewusst.
Deshalb ist das Grundeinkommen bei Gott doch nicht ganz bedingungslos.
Ich soll vergeben, denn ich selbst lebe aus der Vergebung. Gott bejaht mich, auch wenn ich es nicht verdient habe, unter der Bedingung, dass ich genau das anerkenne. Ich bin nicht vollkommen und meine Mitmenschen sind es auch nicht. Deshalb muss auch ihnen vergeben werden.
Gottes Ja gilt gegen jeden Zweifel, gegen jede Übertretung, gegen jede Unvollkommenheit in mir. Das anzunehmen ist die Bedingung meiner Freiheit. Wenn ich in diesem Vertrauen Gutes in der Welt tu, bin ich fei. Dann handle ich autonom.
Dieses Vertrauen beginnt mit dem Gebet. Und es wird ernährt durch das Gebet. Durch das bewusste Einatmen und Ausatmen. Probieren wir es einmal: Ich atme bewusst ein und spreche dabei „Atme in mir“ dann atme ich bewusst aus mit den Worten „heiliger Geist“ … ich wiederhole das 11 Minuten lang und ich merke: Die Angst vergeht.
„Du bist mein Atem wenn ich zu dir bete.“ Amen

EG 382,1-3 Ich steh vor dir mit leeren Händen

Gebet

Vater unser

dir verdanken wir unser Leben.

Dir sagen wir,
worauf wir hoffen,
wonach wir uns sehen,

wovor wir uns fürchten.

Geheiligt werde dein Name.

Wir hoffen darauf,
dass deine Liebe die Welt verwandelt.

Verwandle uns,

damit wir deine Liebe zeigen.

Dein Reich komme.

Wir sehnen uns danach,
dass sich Gerechtigkeit und Frieden küssen.

Schaffe deinem Frieden Raum,

damit die Sanftmütigen das Erdreich besitzen.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.

Wir fürchten uns davor,

dass Leid und Krankheit kein Ende haben.

Heile die Kranken und behüte die Leidenden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Nicht nur uns,

auch denen, die verzweifelt nach Hilfe rufen,

die vor den Trümmern ihres Lebens stehen

und die sich vor der Zukunft fürchten.

Du bist die Quelle des Lebens,

verbanne den Hunger.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Öffne unsere harten Herzen für die Vergebung.

Öffne die Fäuste der Gewalttäter für die Sanftmut.

Lenke unsere Füße auf den Weg des Friedens.

Versöhne uns und alle Welt.

Führe uns nicht in Versuchung.

Dein Wort ist das Leben.

Du kannst unsere Herzen verschließen vor Neid, Gier und Hochmut.

Halte uns ab von Hass und Gewalttätigkeit.

Bewahre uns vor den falschen Wegen!

Erlöse uns von dem Bösen

Öffne unsere Augen,

damit wir das Böse hinter seinen Verkleidungen erkennen.

Lass uns dem Bösen widerstehen und

befreie alle, die in der Gewalt des Bösen gefangen sind.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Du rufst uns beim Namen.

Du siehst uns -
wo wir auch sind,

am Küchentisch, in der Kirchenbank, in unseren Kammern.

Bei dir schweigen Angst und Schmerz.

Auf dich hoffen wir heute und alle Tage.

In Jesu Namen vertrauen wir uns dir an.

Amen

 

 

Predigt am 10. Mai 2020, 4. Sonntag nach Ostern, Kantate

Pfarrerin Dr. Birgit Rommel

Wochenspruch: „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.“ Ps 98,1)

Psalm 146

Halleluja! Lobe den Herrn, meine Seele!
Ich will den Herrn loben, solange ich lebe,
und meinem Gott lobsingen, solange ich bin.
Verlasset euch nicht auf Fürsten;
sie sind Menschen, die können ja nicht helfen.
Denn des Menschen Geist muss davon,
und er muss wieder zu Erde werden;
dann sind verloren alle seine Pläne.
Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist,
der seine Hoffnung setzt auf den Herrn, seinen Gott,
der Himmel und Erde gemacht hat,
das Meer und alles, was darinnen ist;
der Treue hält ewiglich, /
der Recht schafft denen, die Gewalt leiden,
der die Hungrigen speiset.
Der Herr macht die Gefangenen frei.
Der Herr macht die Blinden sehend.
Der Herr richtet auf, die niedergeschlagen sind.
Der Herr liebt die Gerechten.
Der Herr behütet die Fremdlinge
und erhält Waisen und Witwen;
aber die Gottlosen führt er in die Irre.
Der Herr ist König ewiglich,
dein Gott, Zion, für und für. Halleluja!

Predigt: 2. Chronik 5,2-5.12-14

„Gott loben zieht nach oben.“ (J. Arnold)

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war und der da ist und der da kommt. Amen.

I Kantate heute

Liebe Gemeinde,
heute ist in mancher Hinsicht ein besonderer Tag: Muttertag; zweiter Tag nach dem 8. Mai, an dem wir des Kriegsendes vor 75 Jahren und der Befreiung vom Nationalsozialismus gedenken; erster Gottesdienst seit neun Wochen in unseren Kirchen; und Kantate – ohne Gemeindegesang!

Kantate ohne Gemeindegesang – das tut weh. „Ein Gottesdienst ohne gemeinsames Singen, ohne berührende Musik – für mich ist das weniger dankbar als ein Gottesdienst ohne Predigt“, hat mir eine Kollegin gesagt, und ich stimme ihr zu. Denn Singen ist eine der Zugaben Gottes zum Leben. Zum Überleben brauchen wir es nicht. Wir kommen notfalls auch ohne aus. Aber Singen beschwingt und befreit. „Singen ist Ausatmen in schön“, habe ich neulich gelesen. Singen vertreibt schlechte Laune und Kopfschmerzen. Ich kann ausdrücken, was ich fühle und was mich bewegt, wenn ich singe. Und so ist das Singen selbst eines dieser Wunder, von dem der Wochenspruch erzählt: „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ (Ps 98,1)

Doch so gerne wir singen würden: heute müssen wir andere für uns singen und spielen lassen. Und das tun wir auch, heute und an den kommenden Sonntagen, ganz bewusst: Denn mit Musik im Gottesdienst laden wir Gott ein, unter uns zu wohnen. Das jedenfalls ist die Überzeugung unseres heutigen Predigttextes, den wir vorhin gehört haben.

Ich lese 2. Chronik 5, 2-5.12-14 in der Lutherübersetzung.
2. Chronik 5,2 Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des HERRN hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion. 3 Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat gefeiert wird. 4 Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf 5 und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten. …
12 Und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertundzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen.  13 Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus des HERRN erfüllt mit einer Wolke, 14 sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.

II Kantate vor 3000 Jahren

Folgen wir dem Predigttext für heute, gehen wir rund 3000 Jahre zurück. Wir befinden uns in Jerusalem. König David hat die Bundeslade mit den Zehn Geboten von den Philistern zurückerobern können und damit eine große Identitätskrise beendet. König Salomo, sein Sohn und Nachfolger, hat den Tempel fertiggestellt. Dieser Tempel – der Ort menschlicher Kommunikation mit Gott – soll nun eingeweiht werden.

Der Zeitpunkt für die feierliche Einweihung ist gut gewählt: Zum Laubhüttenfest ist die Ernte eingebracht und alle bemühen sich ohnehin, nach Jerusalem zu pilgern und dort zu feiern. Überhaupt ist „alle“ für unsere Chronisten ein wichtiges Stichwort. Alle und alles holt Salomo für den Gottesdienst zusammen: alles Volk (auch wenn Frauen und Kinder nicht erwähnt werden); alles heilige Gerät, vor allem die Bundeslade mit den beiden Tafeln der 10 Gebote, „Grundgesetz Israels“ und sichtbares Zeichen für Gottes Wort; und vielleicht nicht alle, aber doch viele Musikinstrumente (Gemeindegesang gab es im Tempel nicht): Zimbeln und Harfen und Leiern und Trompeten; und alle Musiker in würdiger Kleidung, nämlich in feinem Leinen aus Muschelseide gekleidet.

Und diese prachtvolle Musik, das volle kirchenmusikalische Programm, zwingt die Wolke des Lichtglanzes Gottes herbei: Gott ist gegenwärtig! Die Priester hatten die Wolke – als Ausdruck von Gottes Gegenwart – herbeigesungen und -musiziert. Diese Präsenz Gottes war so dicht, so spürbar, dass sie nicht auszuhalten war und die Priester den Raum verlassen mussten. Und das alles, weil 288 Sänger und Instrumentalisten miteinander sangen – nicht einstimmig, aber einmütig, als ein Herz und eine Seele: „Ja, gütig ist Gott, und ja, ewig währt Gottes Liebe.“
(Die Rabbinen, also die jüdischen Ausleger, hat dabei besonders die Formulierung „mit einer Stimme“ beschäftigt: keiner kam dem anderen zuvor! Angesichts der Begeisterung, die bei der Tempelweihe geherrscht haben muss, ist es tatsächlich ungewöhnlich, dass niemand der fast 300 Musiker/innen versuchte, andere durch lauten oder schnelleren Gesang zu übertrumpfen. Das dies nicht selbstverständlich ist, weiß glaube ich auch manche Chorsängerin und mancher Instrumentalist unter uns.)

In unserem Alten Testament sind zwar viele biblische Bücher anders angeordnet, doch in der Hebräischen Bibel sind die Chronikbücher das letzte Buch der Hebräischen Bibel. Sie fassen die biblische Erzählung noch einmal knapp zusammen, in einem großen Bogen von der Schöpfung „bis heute“. Die Chronikbücher interpretieren also bereits Erzähltes noch einmal neu für ihre Gegenwart. Dabei rücken sie den Tempel ins Zentrum und werten die Leviten auf. Vor allem aber stellen sie – neben dem Opfer – die Musik in den Mittelpunkt: „Und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertundzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen.  Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN.“ Die folgenden Verse machen auch deutlich, was da gesungen und gespielt wurde: Psalm 136, das große Hallel!

III Frisierte Geschichtsschreibung?

Nun denken Sie vielleicht: Das klingt mir alles viel zu glatt – reine Hofberichterstattung mit pädagogischen Untertönen! Tatsächlich hat man den Chronikbüchern frisierte Geschichtsschreibung vorgeworfen, Übermalung oder – freundlicher eben – Neuinterpretation: Aus König David, dem Gründer des Reiches und Kriegsheld, wird eine Art Kirchenmusikdirektor, Gründer des Tempels und des Gottesdienstes. Und das Schofar, das gebogene Widderhorn, wird nicht mehr geblasen, um den Beginn eines Heiligen Krieges feierlich zu signalisieren, sondern um den Gottesdienst als Begegnung mit dem Heiligen einzuläuten.
Nur – was wäre an einer solchen Neuinterpretation falsch? Was ist falsch daran, wenn als Erkennungszeichen der Bundesgenoss/innen Gottes das Gotteslob aus vollen Kehlen gefeiert wird?

IV Musik als Türöffner zur Gegenwart Gottes?

Doch es gibt noch einen anderen Einwand: Ist Musik wirklich der Türöffner zur Gegenwart Gottes? Oder nicht eher eine Verführung, Überwältigungskino für die Ohren sozusagen, dem wir misstrauen sollten? Singen wir in unseren Liedern nicht Bekenntnisse mit, die wir jedenfalls nicht mitsprechen würden?

Wenn wir ehrlich sind, kennen wir die Freude an der Fülle: es macht einfach einen Unterschied, ob die Kirche voll ist oder ob sich rund 30 Leute im Kirchenraum verlieren. Das empfinden Jugendliche ganz stark – aber auch wir Älteren. Musik erhebt unsere Seele, und Gottesdienste mit musikalischen Highlights haben es einfach leichter als ein puristischer Predigtgottesdienst (so sehr ich ihn auch liebe und für wichtig halte).

Und was den zweiten Punkt angeht: Im Singen tragen wir tatsächlich oft mehr mit als wir selbst formulieren würden. Doch das ist kein Grund nicht mitzusingen!
Fulbert Steffensky hat es vor zehn Jahren einmal so formuliert:
„Man muss vom Glauben der anderen abschreiben. Man muss sich hineinlesen in die Hoffnung unserer Väter und Mütter, um an der Hoffnung festzuhalten. Glauben heißt auch, sich einschmuggeln in den Glauben unserer Geschwister. Glauben heißt, lesen können, was andere geglaubt haben. Glauben heißt abschreiben. Liebe Protestanten, habt Erbarmen mit Euch selbst! Fragt Euch nicht dauernd, ob ihr alles mit Eurem redlichen Herzen verantworten könnte, was da zu glauben ist! Schlüpft in den Glauben aller, die dies vor Euch geglaubt haben. Die Hoffnung ist ein großes rundes Brot, das man zusammen essen muss, und erst dann wird man satt.“ Und in Anknüpfung daran sage ich: „Stimmt in die Lieder derer ein, die vor euch geglaubt haben. Die Hoffnung ist ein großes Konzert, das man zusammen singen und musizieren muss, und erst dann kann man Gott jeden Tag loben.“

Sicher, Gottes Gegenwart ist verheißen und nicht garantiert – wir können uns nicht „in die Gegenwart Gottes hineinsingen“, wie manche Gottesdienstformate versprechen. Aber Gemeindegesang bewirkt eine „Vergleichzeitigung der Zeiten“: Biblische Erzähllieder helfen uns unsere Ursprungsgeschichten nachzuvollziehen; durch den Gemeindegesang ziehen wir die Ursprungsgeschichten in unsere Gegenwart: Heute hat uns Gott aus der Sklaverei befreit, heute ist Jesus auferstanden.
„Im geistlichen Singen und Musizieren nehmen Menschen den Mund immer zu voll, sagen mehr als sie von sich aus sagen können, schmücken sich bewusst mit fremden Federn – und sind gerade darin echt und authentisch.“ (Bernhard Leube) Und darum gilt auch heute – am Muttertag, am zweiten Tag nach dem 8. Mai, vor allem am ersten Gottesdienst seit neun Wochen und ganz besonders an Kantate:
„Lobe den Herrn, meine Seele, und seinen heiligen Namen.
Was er dir Gutes getan hat, Seele, vergiss es nicht, Amen.“ (vgl. Ps 103,2)

V Loben zieht nach oben!
Wie aber soll das gehen, wie kann unsere Seele Gott loben, wenn wir doch nicht singen dürfen? Zuhause bleiben mir die Lieder im Hals stecken – und hier im Gottesdienst, wo sich die Töne leichter lösen, müssen sie ein Geflüster bleiben und dürfen den Mundschutz nicht verlassen?!

Das hebräische Wort für „Seele“, näfäs, meint eigentlich die Kehle. „Seele“ ist im Hebräischen eben nichts Körperloses, nichts vom Leib Ablösbares, Psychisches oder Geistiges.
Näfäs ist die Kehle, mit der ich atme, schnaufe, keuche, ist mein Hals, mit dem ich esse, trinke, spreche, singe, ist meine Sehnsucht, mein Gefühl.
Näfäs, das ist das Organ, das ganz besonders von Corona betroffen ist – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn!

Meine coronakranke näfas flüstert mir zu: „Kantate ohne Singen, das geht doch nicht“. Dieser Stimme, die nach unten zieht, halte ich entgegen:
Näfäs – das ist nicht nur Singen. Das ist auch Atmen. (Wie gesagt, „Singen ist Ausatmen in schön“.) In meinem Ausatmen möchte ich bewusst meinen Dank an Gott „verströmen“ und „aus-drücken“. Jeder Spaziergang im Freien erinnert mich daran: Die Schöpfung singt und klingt zur Ehre Gottes. Darin stimme ich ein. Wenn ich „Wald-bade“ oder „Sonnen-bade“, wird mir das besonders bewusst: Von Gott empfange ich beim Einatmen des Lebensatem – ins Ausatmen lege ich meinen Dank an Gott den Schöpfer.
Daher erinnert mich auch im Corona-Jahr 2020 der Sonntag Kantate daran: Loben zieht nach oben! Amen.
Meine Seele grünt. 
Meine Wurzeln geben mir Kraft. 
Ich strecke mich aus. 
Erobere die Welt mit Lust. 
Singe, atme 
Und bin fröhlich in dir, 
mein Gott. Amen.

 

Predigt am 3. Mai 2020, 3. Sonntag nach Ostern, Jubilate

Pfarrer Karl-Eugen Fischer

Gang zum Abendmahl von Alfred Lörcher
Foto: Josh von Staudach

Wochenspruch:
„Ist jemand in Christus, so ist er/sie eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden.“ 2. Kor 5,17

Wochenpsalm:
Ps 66,1-9
Jauchzet Gott, alle Lande! /
Lobsinget zur Ehre seines Namens;
rühmet ihn herrlich!
Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke!
Deine Feinde müssen sich beugen vor deiner großen Macht.
Alles Land bete dich an und lobsinge dir,
lobsinge deinem Namen. SELA.
Kommt her und sehet an die Werke Gottes,
der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.
Er verwandelte das Meer in trockenes Land, /
sie gingen zu Fuß durch den Strom;
dort wollen wir uns seiner freuen.
Er herrscht mit seiner Gewalt ewiglich, /
seine Augen schauen auf die Völker.
Die Abtrünnigen können sich nicht erheben.
Lobet, ihr Völker, unsern Gott,
lasst seinen Ruhm weit erschallen,
der unsre Seelen am Leben erhält
und lässt unsere Füße nicht gleiten.

Predigt
Johannes 15,1-8
„Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe.
Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.
Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.
Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen.
Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.
Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.“

Liebe Mitmenschen!
Wieder mal ein eindrückliches, einfaches Bild.
Es ist zwar jetzt nicht die Jahreszeit, doch ich erinnere mich gut
an die Spaziergänge durch die herbstlichen Weinberge
mit Weinstöcken voller Reben.
Aber eben so viele Reben lagen am Boden,
abgeschnitten vom Winzer
um die Qualität des Weins zu erhöhen.
„Eine Sünde ist das!“
hörte ich jemand im Vorübegehen sagen.
Ich konnte ihre Empörung verstehen.

Jesus wollte uns mit seinem Bildwort
jedoch nicht in die Geheimnisse des Weinbaus einführen,
sondern er benutzte das Bild um eine Situation zu beschreiben,
die jenseits aller Winzerromantik liegt.

Es geht um die Existenz der christlichen Gemeinden
in Kleinasien im letzten Jahrzehnt des 1. Jh. nach Christus.
Wer bleibt, dessen Leben wird reiche Früchte tragen.
Wer sich entfernt, wird verdorren, zu Grunde gehen, verbrennen.
So einfach ist das.

Doch damals gegen Ende des 1. Jh.
lagen die Dinge alles andere als einfach.
Die alle Welt erlösende Wiederkunft des Messias war ausgeblieben.
Die christlichen Gemeinden in der dritten Generation
sahen sich hingegen wachsender Bedrängnis ausgesetzt.
Sie waren vor kurzem aus dem schützenden Verband
der Synagoge ausgeschlossen worden.
Wer sich zu Christus bekannte, wurde geächtet, bedroht, verfolgt.
Viele, die ihre Hoffnung auf den Auferstandenen gesetzt hatten,
waren verunsichert, verängstigt, verzweifelt.
Enttäuscht kehrten sie der christlichen Gemeinde wieder den Rücken.
Das erklärt den eindringlichen, beschwörenden Ton des Evangeliums.
Er war nötig, damit die Gemeinde sich nicht ganz auflöst,
damit die Reben am „wahren“ Weinstock bleiben
und nicht abfallen und verderben.

Das ganze Johannes-Evangelium ist deshalb
von starken und friedlichen Christus-Bildern geprägt:
„Ich bin der gute Hirte“,
„Ich bin das Brot des Lebens“
„ich bin das Licht der Welt“,
„ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“,

Der Jesus des Johannes-Evangeliums
strahlt Sicherheit und Souveränität aus,
Kein Kämpfer, kein Krieger, kein Sieger,
sondern ein Christus,
der die Menschen trotz aller Bedrohungen
in ihrem Gott- und Selbstvertrauen stärkt.
Ihr Hirte.
Ihre Lebenskraft,
Ihr Licht.
Ihr Weg.
Ihre Wahrheit …

Die Christ*innen kamen sich vor wie die Rebe,
die eben von ihrem Weinstock – der Synagoge -abgeschnitten worden war.

An die Stelle der Synagoge tritt nun Christus,
als ihr „wahrer“ Weinstock.
Ohne die Verbindung zum ihm
ist ihr Leben als Rebe, als Gemeinde, nicht möglich.
Aber es gilt auch umgekehrt.
Was ist der Weinstock ohne die Reben?
Das was Weinstock und Rebe miteinander verbindet
wird im Johannesevangelium daher immer wieder thematisiert:
Es ist die Liebe.
Bleibt in meiner Liebe und bleibt in mir und ich in euch,
sagt Jesus wenig später seinen Jünger:innen

Liebe ist die Kraft, die verbindet,
was in der Welt leicht auseinander fällt.
Liebe ist die kreative Kraft,
die über alle Grenzen hinweg
Beziehung schafft.
Die Liebe ist die Kraft,
die Verschiedenes eint,
die Zerbrochenes heilt.
Die Liebe ist die Lebenskraft des Weinstockes.
Sie durchströmt Wurzeln und Stamm
und über den Stamm jede seiner Reben.
So hält sie den ganzen Weinstock am Leben.

Diese Verbindung ist bedroht.
Not und Verfolgung lässt die Menschen zweifeln
an Gott, an sich selbst.
Sie drohen, abzufallen, sich zu trennen, zurück zu fallen
in alte Muster.

Auch wir leben in einer Zeit der Unsicherheit
Wir suchen nach Orientierung.
Experten und Politiker spielen sich Bälle zu.
Was bis heute noch galt,
gilt morgen vielleicht schon nicht mehr.
Vieles, was den Menschen Halt gab,
zerbricht nach und nach.
Die Frage ist:
Können wir kreativ, das heißt liebevoll
mit der Situation umgehen?
Es klingt zwar abgedroschen, aber:
Wollen wir weitermachen wie bisher?
Oder nutzen wir die Krise als Chance?
Führen wir „Krieg“ gegen Corona oder
hören wir ihre Botschaft?
Wie könnte sie lauten?
Eine italienischer Autor
lässt Corona einen Brief schreiben:
( italienisch, deutsch  )

„Ciao, ich bin Covid 19.
Viele von euch kennen mich unter dem Namen Coronavirus. …

Warum bin ich hier?
Sagen wir es einmal so, dass ich es leid war, euch bei der Rückbildung
anstatt bei der Entwicklung zuzusehen.
Ich war müde, euch zuzusehen wie ihr mit euren Händen alles ruiniert.
Ich war müde euch zuzusehen, wie ihr den Planeten behandelt.
Ich war müde euch zuzusehen wie ihr miteinander umgeht.
Ich war müde von euren Missbräuchen und Gewalttaten,
den Kriegen, euren persönlichen Konflikten und von euren Vorurteilen.
Ich war müde von eurem sozialen Neid, eurer Gier, eurer Heuchelei
und von eurer Selbstsucht.
Ich war müde, dass ihr euch so wenig Zeit für Euch und Eure Familien nehmt.
Ich war müde, dass ihr oft euren Kindern wenig Achtung schenkt.
Ich war müde von eurer Oberflächlichkeit.
Ich war müde über die Wichtigkeit, die ihr oft den oberflächlichen, anstatt den wesentlichen Dingen gegeben habt.
Ich war müde von der obsessiven Suche nach dem schönsten Kleid,
dem neuesten Smartphone-Modell, dem schönsten Auto,
nur um selbstverwirklicht dazustehen.
Ich war müde von euren Verrat.
Ich war müde von den Fehlinformationen.
Ich war müde von der wenigen Zeit, die ihr miteinander wirklich kommuniziert.
Ich war sehr müde von euren ständigen Beschwerden,
wenn ihr doch nichts dagegen unternehmt, um euer Leben zu verbessern.
Ich habe es satt, euch diskutieren und streiten zu sehen wegen unwichtigen Kleinigkeiten.
Ich hatte es satt eurem ständigen Nörgeln zuzuhören über die, die uns regieren und den falschen Entscheidungen, die von ihnen oft getroffen wurden, obwohl sie dich vertreten sollten.
Ich hatte es satt, Leute zu sehen, die einen für ein Fußballspiel beleidigten und sogar töteten.
Ich weiß ich werde hart sein sein, vielleicht zu hart,
aber ich sehe niemandem ins Gesicht.
Ich bin ein Virus.
Meine Handlung wird euch Leben kosten. Aber ich will, dass ihr ein für alle mal versteht, dass ihr euren Kurs ändern müsst zu eurem Wohl.
Die Nachricht, die ich euch geben will, ist einfach:
Ich möchte alle Grenzen der Gesellschaft aufzeigen, in der ihr lebt, damit ihr sie beseitigen könnt.
Ich möchte alles absichtlich stoppen, damit ihr versteht, dass das einzig Wichtige, auf das ihr nun all eure Energien richten müsst, einfach eins ist:
Das Leben.
Eures und das eurer Kinder und was wirklich notwendig ist
um es zu schützen, zu lieben und zu teilen.
Ich möchte, dass ihr so weit wie möglich in euren Häusern eingesperrt und isoliert seid, weg von euren Eltern und Großeltern, euren Kindern oder Enkelkindern, damit ihr versteht wie wichtig eine Umarmung ist, der menschliche Kontakt, ein Dialog, ein Händedruck, ein Abend mit Freunden, ein Spaziergang in der Innenstadt, ein Abendessen in einem Restaurant oder beim Joggen an der frischen Luft im Park.
Von diesen Gesten aus, muss alles neu gestartet werden.
Ihr seid alle gleich. Macht keinen Unterscheid zwischen euch. Ich habe euch bewiesen, dass die Distanzen nicht existieren. Ich habe innerhalb kürzester Zeit, Kilometer um Kilometer zurückgelegt, ohne, dass ihr es gemerkt habt. Ich bin auf der Durchreise. Aber das Gefühl der Nähe und Zusammenhalt, das ich in so kurzer Zeit erschaffen habe, muss in alle Ewigkeiten anhalten.
Lebt euer Leben so einfach wie möglich.
Geht, atmet tief durch, tut Gutes, denn das Gute wird immer mit Zinsen zu dir zurückkehren. Genießt die Natur. Tut, was ihr wollt, was euch anspricht und schafft euch die Bedingungen, bei denen ihr von nichts abhängig sein müsst.
Wenn ihr am Feiern seid, bin ich gerade gegangen. Aber erinnert euch, nicht nur bessere Menschen zu sein, wenn ich anwesend bin. Addio.“

Schaffen wir es, die Krise als Chance für einen Neuanfang zu nutzen?
Oder fallen wir unversehens zurück in die alten Muster?
Zurück zur „Normalität“
die in dem Brief so eindrucksvoll beschrieben wird.
Corona ist ein Virus. Nicht mehr und nicht weniger.
Aber es bringt etwas ans Licht.
Eine innere Leere, ein geistiges und geistliches Vakuum.
Das ist mindestens genauso zerstörerisch ist wie das Virus:
Es ist die Bereitschaft, sich Führerfiguren
wie Orban, Trump oder Bolsonaro anzuschließen.
Es ist die Bereitschaft, die Demokratie zu verachten.
Es ist die Breitschaft, die Zerstörung der Lebensgrundlagen,
der Menschenrechte, der Gemeinschaft
in Kauf zu nehmen für den eigenen Vorteil.
Es ist die Bereitschaft, an Verschwörungstheorien zu glauben.

Ja, es geht da auch um Glauben
Es sind religiöse Fundamentalisten,
so genannte Evangelikale Christ:innen,
die die autokratischen Verächter des Lebens unterstützen.
Die den Glauben zur Absegnung ihrer Machenschaften missbrauchen.
Die die Bibel wie ein Schwert im Propaganda-Feldzug
gegen angebliche Feinde führen.
Die auf schwierige Fragen einfache, falsche Antworten gegeben.
Die mit Fake-News, billigen Tricks, inszenierten „Wundern“ und viel Geld
verunsicherte Gehirne waschen.
Die das darwinistische Gesetz des „survival of the fittest“
gnadenlos praktizieren: Wer zweifelt fliegt raus!

Die säkularisierte Version des religiösen Fast-Food
ist der Konsum. Der hemmungslose Verbrauch von Lebensmitteln.
Er wird in den Shopping-Tempeln
quasi religiös zelebriert.
Er verspricht Glück und Lebensfreude,
Erfüllung und Zufriedenheit – „to go“!
Wehe denjenigen, die nicht mitgehen können.
Mangel an Kaufkraft ist die Hölle.

Corona hat die Konsumtempel geschlossen.
Die Kirchen auch.
Sie wetteifern nun, wer zuerst wieder zelebrieren darf.
Haben wir das wirklich nötig?
„Survival of the fittest“ oder
„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid“.
Einlasskontrolle, Desinfektion, Mindestabstand, Mundschutz, keine Gespräche und kein Gesang … Ich weiß nicht …

Dem Brief von „Corona“ will ich eine theologische Kritik
unserer „Normalität“ beiseite stellen.
Dorothee Sölle hatte einen klaren Blick
für die innere Armut der modernen Menschen,
Sie kritisiert ihre Erbärmlichkeit und ihre Erbarmungslosigkeit
gegenüber den armen und entrechteten Menschen auf dieser Erde.

Sie kritisiert die einfältigen Welt- und Gottesbilder
moderner Fast-Food Religion
und ermutigt dazu
kreativ mit dem Zweifel und dem eigenen Unglauben umzugehen.

Im Blick auf den gekreuzigten Christus
sprach sie von Gottes „Ohnmacht“,
davon, dass der Gott Jesu Christi,
nie ohne die Macht der Menschen Gott sein will –
aber eben nicht durch die Macht des Geldes, der Kaufkraft oder der Gewalt,
sondern durch die Macht der Einfühlung, der Sympathie, der Liebe.

Es ist ein Glaube, der Zweifel mit Zuversicht verbindet.
Es ist der Mut, der Kraft der Liebe
und der Treue Gottes zu seinen Verheißungen zu vertrauen.

Ein Gedicht von Dorothee Sölle bringt beides zum Ausdruck,
ihren not-wendigen Un-Glauben und ihren großen Glauben:

Ich glaube – wie sie das nennen – nicht an gott –

aber ihm – verstehst du – kann ich’s schlecht abschlagen –

ihm – sieh ihn doch an –

im garten, wenn ihm alle davon sind, die freunde –

ihm – dem die angst vom gesicht läuft –

die spucke die sie ihm drauftun

ihm muss ich es glauben

Ihn kann ich nicht überlassen

der großen verachtung von leben

dem gleichgeschalteten ablauf der jahrmillionen

dem gleichstumpfsinnigen wechsel von arbeit erholung und arbeit

der kaum unterbrechbaren langeweile in autos in betten in läden

So ist es – sagen sie mir – was willst du
-

zögernd – nicht ohne kritik -
schließe ich mich der andern vermutung an,

die seine geschichte ist –

so ist es nicht – sagte er – denn gott ist

und er stand ein für diese behauptung

Nachdenkend – finde ich – man kann

ihn nicht allein
für seine vermutung

einstehen lassen

also glaube ich ihm gott

Wie man einem das lachen glaubt

oder das weinen

oder das heiraten das neinsagen

so wirst du lernen

ihm das allen versprochene leben
zu glauben

(Dorothee Sölle, Ich will nicht auf tausend Messern gehen. Gedichte, München 1986, S. 18)

Der Glaube, Ihm das allen versprochene Leben, das Gott verheißt, zu glauben
ist für mich die Ermutigung,
trotz aller gegenwärtigen Widrigkeiten
zu „bleiben“, Verbindung zu halten,
zur Quelle,
zum Weinstock,
zu Christus, dem Gekreuzigten,
zur geschundenen, missbrauchten und verbrauchten Schöpfung,
zu den Menschen in sinkenden Booten und stinkenden Lagern,
zu den Menschen in Krankenhäusern und Heimen
zu den vergessenen Kindern in Moria,
zu den vergessenen Menschen bei uns
zu Christus, dem Auferstandenen,
zur Gerechtigkeit,
zum Erbarmen,
zur Liebe,
zum Leben.

Wer bei Christus bleibt,
dessen Leben, dessen Hoffen,
dessen Lieben und Arbeiten
steht in einem anderen Horizont
als dem besinnungslosen Verbrauch
von Religion und Lebensmitteln.

Wer in Christus bleibt, ist nicht allein,
sondern ist Teil der Kirche,
ein Teil der Gemeinschaft,
die immer wieder aufbricht,
aufsteht und Jesus nachfolgt,
die sich von ihm verwandeln lässt
und in seinem Namen die Erde verwandelt.
Wann, wenn nicht jetzt?
Amen

 

Gebet

In dir bleiben,
Christus.

Die Kraft von dir empfangen.

Aus deiner Wurzel leben.

Aufnehmen und weiterreichen,

was du uns gibst.

Frucht bringen.

Christus, ohne dich können wir nichts tun.

Du gibst die Kraft.

Aus dir strömt sie.

Gib sie denen,

die müde sind,

die erschöpft sind von Corona,

die sich aufreiben in der Sorge für andere,

deren Mut aufgebraucht ist,

die sich fürchten vor dem, was kommt.

Du bist die Wurzel, die trägt.

Erbarme dich.

Du bist der Friede.

Du berührst die Herzen.

Verwandle die Hartherzigen,

die Kriegsherren und
 die Lügner.

Ihr Gift sei wirkungslos,

weil du ihre Opfer heilst.

Du bist das Glück für die Schwachen.

Erbarme dich.

Du bist die Liebe.

Du machst alles neu.

Du bleibst.

Bleib bei den Trauernden, Christus

und bei den Liebenden,

denn ohne dich verlieren sie sich.

Du Liebe,
sprich zu uns,

zu deiner Gemeinde

und zu deiner weltweiten Kirche.

Bleib bei uns.
Christus,

ohne dich können wir nichts tun.

Du bist der Weinstock.

Erbarme dich

heute und alle Tage, die kommen.

Amen.

 

 

«